01.12.2016

Interview, Nicaragua

Journalistin: "Der FSLN ist nicht mehr sandinistisch"

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega als junger Mann im sandinistischen Fernsehen. Foto: Eden, Janine and Jim, CC BY 2.0 (Zuschnitt).

Die Theologin, Schriftstellerin und Journalistin María López Vigil ist gebürtige Kubanerin und kam vor 35 Jahren nach Nicaragua. Als Chefredakteurin leitet sie die analytische Monatszeitschrift "Envío". Diese wird seit 1981 von der Universidad Centroamericana (UCA) mit Sitz in Managua publiziert.

In dem folgenden Interview äußert sich María López Vigil zur aktuellen Lage in Nicaragua und zur Zukunft des Landes nach der erneuten Wiederwahl von Präsident Daniel Ortega mit erdrückender Mehrheit am 6. November 2016. Seine Ehefrau Rosario Murillo ist nun die Vize-Präsidentin Nicaraguas.

Glauben Sie, dass es bei der Präsidentschaftswahl in Nicaragua sauber zuging?

María López Vigil: Die offiziellen Zahlen dieser Wahl werden wir niemals erfahren. Seit acht Jahren lügen die Wahlbehörden und jeder in Nicaragua weiß das. Daniel Ortega ließ keine internationalen Wahlbeobachter ins Land und einen Wettbewerb mit Parteien, die diesen Namen verdienen, gab es nicht.

Etwa 70 Prozent der Nicaraguaner gingen nicht zur Wahl - in manchen ländlichen Gegenden waren es 80 Prozent. Die 72,5 Prozent, die Daniel Ortega erhielt, beziehen sich gerade einmal auf 30 Prozent der Wählerschaft. Man sollte wohl eher von einem Pyrrhussieg sprechen -  ein zu teuer erkaufter Sieg. Der eigentliche Sieger der Wahl waren jene Nicaraguaner, die sich der Stimme enthielten. Das ist insofern bemerkenswert, als die Menschen hier eigentlich gerne wählen gehen.

Nicaraguas Wirtschaft wuchs im Jahr 2015 um 4,1 Prozent. Funktioniert Ortegas Modell also?

Die Regierung Ortega ist nicht fortschrittlich. Den Impuls für das Wirtschaftswachstum gab die Hilfe aus Venezuela. Nutznießer des nicaraguanischen Wirtschaftsmodells war vor allem das Großkapital. Daher gratuliert der Internationale Währungsfonds (IWF) Daniel Ortega Jahr für Jahr.

Einer Statistik zufolge ist die Armutsquote in Nicaragua von 44,7 Prozent im Jahr 2009 auf 39 Prozent im Jahr 2015 gesunken. Ist diesen Zahlen zu trauen?

Daniel Ortega und seine Ehefrau Rosario Murillo regieren Nicaragua inzwischen seit zehn Jahren. Dank der Erdöllieferungen aus Venezuela sind sie zu Millionären geworden. Die soziale Ungleichheit in Nicaragua ist heute größer als vor zehn Jahren. Die Hauptprobleme sind Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung.

Acht von zehn Nicaraguanern arbeiten auf eigene Rechnung. Sie haben kein festes Einkommen und keine soziale Absicherung. Es findet eine massive Auswanderung nach Costa Rica und nach Panama statt. Die Dollar-Sendungen der Auswanderer an ihre Familien sind eine wichtige Stütze für die ärmsten Nicaraguaner. Nirgends in Lateinamerika herrscht eine größere Armut.

Die Armut in Nicaragua ist ein historisches Vermächtnis. Wie lässt sie sich verringern?

Das Hauptproblem des Landes ist die sehr geringe Qualität der Bildung. Die Lehrerinnen und Lehrer werden in keinem Land Mittelamerikas schlechter bezahlt. Für Bildung werden nur 2,5 Prozent des Budgets ausgegeben - der geringste Anteil in Mittelamerika. Die Regierung Ortegas hat nichts getan, um die Bildung zu verbessern.

Der heutige Sandinismus scheint mir ein vollkommen anderer zu sein als der frühere. Oder täusche ich mich da?

Wir alle haben den Sandinismus bewundert. Der heutige Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) und Ortega allerdings, das sind keine Sandinisten mehr. Der Sandinismus lebt in Nicaragua weiter, aber nicht in irgendeiner "Institution". Es handelt sich um eine der Wurzeln Nicaraguas. Der Sandinismus steht für soziale Gerechtigkeit und nationale Souveränität. Parteistrukturen des FSLN bestehen nicht mehr.

Was es heute gibt, das ist "Orteguismo", ein politisch-familiäres Projekt. Häufig sagen Nicaraguaner: "Ortega und Somoza (der ehemalige Diktator) sind doch das Gleiche." Ortega ähnelt Somoza in seinem Autoritarismus und der Kontrolle einer Familie über das Land, in der Repression, vor allem in ländlichen Gegenden. Genau wie seinerzeit bereichert sich eine Familie und es herrscht Korruption in Nicaragua.

Welche Rolle spielt die katholische Kirche Nicaraguas? In den 1980er Jahren war sie ein entschiedener Gegner des Sandinismus, hier ist vor allem Kardinal Miguel Obando y Bravo zu nennen.

Die Hierarchie der katholischen Kirche ist in ihrer Haltung zu Ortega gespalten. Vier der zehn Bischöfe der nicaraguanischen Bischofskonferenz sehen die Regierung Ortega kritisch. Die übrigen schwanken in ihrer Haltung, in der Regel aber schweigen sie einfach. Wie überall in Lateinamerika sind die Evangelikalen stark auf dem Vormarsch. Ihre Bibel-Lektüre leistet der Passivität und der Resignation vor der Realität Vorschub. Die Evangelikalen erzielen vor allem in den Armenvierteln der Städte und auf dem Land Erfolge.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft Nicaraguas?

Ich hoffe auf ein besseres, gerechteres und glücklicheres Land. Ich glaube, dass ein anderes Nicaragua möglich ist. Dieses zu erbauen wird allerdings seine Zeit brauchen. Sollte ich das nicht mehr erleben, so habe ich alles getan, was ich konnte, um mit für ein anderes Nicaragua zu sorgen.

Interview: Paolo Moiola, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel, Foto: Eden, Janine and Jim,CC BY 2.0 (Zuschnitt).

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