22.08.2014

Kolumbien

Illegale Goldminen ersetzen Drogenanbau

Darío Ramírez beim Goldschürfen - ein einträgliches Geschäft für kriminelle Banden. Foto: Oliver Schmieg.

Vor wenigen Wochen hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) seinen Jahresbericht vorgelegt. Zwar stagnierten während des vergangenen Jahres die Anbauflächen von Koka und Marihuana - ein Grund zur Freude ist das allerdings noch lange nicht. Die Anzahl illegaler Goldminen, die von Drogenkartellen betrieben wird, ist nämlich statt dessen angewachsen.

Seit mehreren Jahrzehnten ist die kolumbianische Kleinstadt Tarazá nur schwer von der Landkarte des organisierten Verbrechens wegzudenken. Sowohl die linksgerichtete FARC-Guerilla, als auch paramilitärische Banden wie Los Urabeños haben in der Vergangenheit die Nähe sowohl zum Atlantik als auch zum Pazifik genützt, um Drogen ins Ausland zu schaffen.

Bereits in den 80er Jahren war die Region um den 30.000 Einwohner Ort, gelegen im Norden des Bundeslandes Antioquia, bekannt für ihre zahlreichen Marihuana- und Kokaplantagen. 

Mit der weltweiten Wirtschaftskrise des vergangenen Jahrzehnts jedoch hat sich das Interesse der Drogenkartelle verschoben - heutzutage ziehen sie es vor, illegal Gold abzubauen. Die finanzielle Rezession in den USA und in Europa hat den Preis des Edelmetalls so sehr ansteigen lassen, dass aktuell die Gewinne aus dem Goldhandel durchaus vergleichbar sind mit denen aus dem Drogenhandel. 

"An guten Tagen schürfen wir Gold im Wert von 90.000 US-Dollar", sagt Darío Ramirez. Der 34-jährige Kolumbianer gehört dem Drogenkartell Los Urabeños an und ist für eine illegale Goldmine verantwortlich, die nur zwei Stunden außerhalb Tarazás liegt. Die Gegend kennt er wie seine Westentasche - bereits Mitte des vergangenen Jahrzehnts hatte er für Ramiro "Cuco" Vanoy gearbeitet, einen Drogenchef der im Augenblick in den USA eine Haftstrafe von 24 Jahren absitzt und der jahrelang von Tarazá aus das paramilitärische Drogenkartell Bloque Mineros anführte.

Verbrechen ohne strafrechtliche Folgen

"Illegaler Goldabbau wird in Kolumbien strafrechtlich so gut wie gar nicht verfolgt", erklärt Juan Felipe Garcia, Rechtswissenschaftler der Universität Javeriana, den Vorteil des illegalen Goldabbaus gegenüber dem Drogenhandel - bei wohlgemerkt nur unwesentlich geringeren Einkünften. Jahrelang hat er hunderte Fälle von Kleinstgoldschürfern untersucht, die von kriminellen Banden von ihrem Land vertrieben worden waren. "Kolumbianische Kartelle haben den illegalen Goldhandel schon vor Jahren als alternative Einkunftsquelle zum Drogenhandel entdeckt", sagt der Jurist.

Der erst kürzlich vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) veröffentlichte Jahresbericht bestätigt Garcias Untersuchung. Während illegale Goldminen vergangenes Jahr in insgesamt 22 von 32 Bundesländern betrieben wurden, konnten Marihuana- und Kokaplantagen nur noch in zehn Bundesländern festgestellt werden. Im Vergleich zum Vorjahr stagnierte laut dem Bericht der Drogenanbau - illegale Goldminen jedoch erleben im Moment einen jährlich wachsenden Boom.

Inbesondere im Norden des Bundeslandes Antioquia floriert das Goldgeschäft. Mehr als 90 Schaufelbagger und Planierraupen hat die staatliche Menschenrechtsorganisation Defensoría del Pueblo vergangenes Jahr in der Region gezählt - allesamt in Betrieb in illegalen Goldminen. Geschätzter Wert der Geräte, die dem Bericht zufolge dem Drogenkartell Los Urabeños gehören: mindestens 4,5 Millionen Euro. Obwohl die Höhe der Investition kein größeres Problem für eine Drogengang darstellen dürfte, ist sie dennoch ein Beleg für das Interesse, das diese am illegalen Goldhandel hat.

Geldwäsche mittels illegaler Goldminen

Kolumbien zählt in Lateinamerika zu den Ländern mit den größten Goldvorkommen. Es verwundert daher kaum, dass sich auch das organisierte Verbrechen für den Handel mit dem Edelmetall interessiert. Von den möglichen Gewinnen aus dem Abbau abgesehen, kann der Betreiber einer Goldmine auch mit Einnahmen aus dem Geldwäsche-Geschäft rechnen. Gerade in den Grenzregionen des südamerikanischen Landes lassen sich aus einem Drogengeschäft gewonnene Gelder auf einfachste Weise mit Hilfe einer Goldmine legalisieren.

Juan Felipe Garcia weiß, wie die Kartelle operieren. "Sie kaufen mit dem aus einem Drogengeschäft erzielten Gewinn Rohgold in einem der Nachbarländer, führen es anschließend - ohne es zu verzollen - ins Land ein und verkaufen es an einen lokalen Goldhändler, der es direkt in der Mine erwirbt", berichtet Garcia. "Der Aufkäufer schöpft keinen Verdacht, da er ja nicht wissen kann, wo das Gold geschürft wurde. Wichtig ist für das Kartell nur, dass der Verkauf dokumentiert wird und der daraus erzielte Betrag anschließend legal ist", fährt der Rechtswissenschaftler fort.

Tote auf Grund illegalen Goldabbaus

Das gewissenlose Vorgehen kolumbianischer  Drogenkartelle im illegalen Goldabbau kostet mittlerweile regelmäßig Menschenleben. Alleine in den vergangenen vier Monaten sind bei Grubenunglücken in Santander de Quilichao und in Timbiquí mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. In beiden Goldminen waren gängige Sicherheitsstandarts missachtet worden.

Davon abgesehen verursacht das illegale Goldgeschäft in Kolumbien aber auch irreparable Umweltschäden. Mit 180 Tonnen jährlicher Quecksilberbelastung hat das Land laut der NGO Mercury Watch weltweit die zweitgrößte Kontaminationsrate nach China. Darío Ramirez’ Heimatregion Antioquia ist unter Experten außerdem als die Gegend bekannt, in der hinsichtlich des giftigen Schwermetalls global die höchste Pro-Kopf Verschmutzung herrscht. 

Ramirez hingegen interessiert das nicht - in Kürze möchte er sich mit einer eigenen Goldmine selbständig machen. "Rund 250.000 Euro benötige ich für den Kauf der notwendigen Maschinen und eines Stromaggregats, und diesen Betrag habe ich bereits", sagt er. Seiner Zukunft kann er optimistisch entgegenblicken - zumindest so lange die Preise an den internationalen Edelmetallbörsen stabil bleiben.

Autor: Oliver Schmieg

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