04.11.2016

Brasilien, Interview

Hilfskoordinator: "Eine Katastrophe biblischen Ausma├čes"

Der Ort Bento Rodrigues in Minas Gerais, Brasilien, ist eines der zerst├Ârten D├Ârfer, dessen Einwohner Padre Geraldo betreut. Foto: Senado Federal, CC BY 2.0.

Am 5. November 2015 brach der Damm eines Abraumbeckens in der Region Mariana. Eine Schlammlawine richtete daraufhin ├╝ber hunderte Kilometer Verw├╝stungen an. "Ein Jahr nach dem Ungl├╝ck haben wir immer noch mehr Ungewissheit als Gewissheiten", sagt Padre Geraldo Martins Dias, der f├╝r die Erzdi├Âzese Mariana die Opferhilfe koordiniert, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Padre Geraldo, wie sieht die Situation zum Jahrestag der Katastrophe aus?

Geraldo: Die von uns geforderten kurzfristigen Ma├čnahmen hat das Unternehmen Samarco erf├╝llt: Die Bewohner der am schlimmsten betroffenen D├Ârfer Bento Rodrigues und Paracatu de Baixo sind provisorisch untergebracht. Und sie erhalten ├ťbergangsgelder. Sorgen macht uns der Zeitplan f├╝r den Wiederaufbau der D├Ârfer. Das darf nicht zu lange dauern und wir brauchen da noch einen Konsens. Auch bei der Registrierung der Opfer und der Ermittlung der Schadenssummen sind wir noch nicht weit. Die Opferfamilien sind von den ewigen Diskussionen ersch├Âpft. Sie wissen nicht, wie ihre Zukunft aussieht.

Die Region Mariana lebt vom Bergbau. Droht jetzt eine tiefe Strukturkrise?

Mariana lebt zu 80 Prozent vom Bergbau. Ein Stillstand hat riesige Auswirkungen. Die Kirche ist nicht gegen den Bergbau. Aber man muss die Methoden hinterfragen. Brasiliens Bischofskonferenz beobachtet aktiv die Beratungen des neuen Bergbaugesetzes im Kongress. Der Mensch und die Umwelt m├╝ssen im Zentrum stehen, nicht die Gewinne. Und die Beh├Ârden m├╝ssen die Branche st├Ąrker kontrollieren.

Viele Opfer f├╝hlen sich von der Bev├Âlkerung verunglimpft. Sie w├╝rden von dem Ungl├╝ck profitieren.

Entsch├Ądigungen sind keine Geschenke, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Leider gibt es vereinzelte F├Ąlle von Diskriminierung und Verunglimpfung. Wir f├╝rchten, dass da Opfer in T├Ąter verwandelt werden sollen. Und die f├╝r dieses Umweltverbrechen Verantwortlichen werden als Opfer dargestellt.

Wie engagiert sich die Kirche?

Die Kirche in Mariana arbeitet eng mit der Organisation f├╝r die Opfer von Staud├Ąmmen MAB zusammen. Sie informiert die Betroffenen ├╝ber ihre Rechte und begleitet sie.

Das Erzbistum Mariana hat Spendengelder f├╝r die Opfer gesammelt. Wie werden die eingesetzt?

Konkret unterst├╝tzen wir die Zeitschrift Sirene, die die Stimme der Opfer ist. Sirene wird von den Betroffenen und f├╝r die Betroffenen gemacht. Denn nicht immer hat die Lokalpresse ad├Ąquat berichtet. Hilfsgelder haben wir nicht ausgezahlt. Denn die Entsch├Ądigungen m├╝ssen von den verantwortlichen Unternehmen kommen.

Hat auch die Kirche in Deutschland Hilfen f├╝r die Opfer bereitgestellt?

Die Erzdi├Âzese Mariana hat das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat um die Finanzierung der Arbeit der Organisation f├╝r Staudammopfer "Movimento dos Atingidos por Barragens" (MAB) gebeten. Und Adveniat hat diesen Part ├╝bernommen. Die Arbeit der Leute zu finanzieren, die die Betroffenen betreuen, bedeutet ja, den Betroffenen direkt zu helfen.

Wird es Ihrer Meinung nach m├Âglich sein, die Umweltsch├Ąden wieder zu beheben?

Die Verw├╝stungen und Sch├Ąden dieses Umweltverbrechens sind nicht zu kalkulieren. Und genauso ist es unm├Âglich zu sagen, wie lange das Gebiet des Rio Doce braucht, um sich zu erholen. Vielleicht wird es Jahrzehnte dauern. Selbst die optimistischsten Experten glauben, dass eine hundertprozentige Wiederherstellung unm├Âglich ist. Teile der Fauna und Flora werden wohl unwiederbringlich verloren sein. Aber das wir die Zeit zeigen.

Medien haben nach dem Dammbruch von einer Katastrophe biblischen Ausma├čes gesprochen. Was halten Sie von diesem Vergleich?

Die dachten sicherlich an die biblische Geschichte der Sintflut. Das passt, denn wir k├Ânnen ja nicht wirklich begreifen, was eine ├╝ber 600 Kilometer sich hinziehende Verw├╝stung bedeutet.

Quelle: KNA. Das Interview f├╝hrte Thomas Milz, Foto: Senado Federal,CC BY 2.0.

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