12.10.2017

Brasilien, Interview

„Für die unkontaktierten Völker sieht es düster aus“

Holfzmafia, Agrarindustrie und Goldsucher dringen immer tiefer in den Amazonas-Urwald ein und zerstören die Lebensgrundlage der letzten unkontaktierten Völker Brasiliens. Foto (Symbolbild): Yanomami-Kind, Escher/Adveniat.

Anlässlich des „Kolumbus-Tages“ am heutigen 12. Oktober hatten Vertreter der indigenen Völker Brasiliens die Regierung in einem offenen Brief wegen der steigenden Gewalt gegenüber unkontaktierten Indigenen kritisiert. Sie warnten in dem von Survival International veröffentlichten Brief vor einem drohenden Genozid an den isoliert lebenden Ureinwohnern.

Wir sprachen mit Sarah Shenker, Campaignerin von Survival International und zuständig für die Begleitung der unkontaktierten Völker Brasiliens. Vor wenigen Tagen kam sie aus dem Amazonasgebiet zurück. Hier ihre Eindrücke.

Blickpunkt: Vor wenigen Wochen ging die Nachricht über ein mutmassliches Massaker an zehn oder mehr unkontaktierten Indigenen im Javari-Tal durch die Medien. Hat Survival International neue Erkenntnisse darüber, ob sich der Vorfall tatsächlich zugetragen hat?

Shenker: Nein, wir warten derzeit noch auf die Untersuchungsergebnisse der lokalen Behörden und der Polizei. Es handelt sich um ein riesiges Gebiet, so dass wir nicht einschätzen können, ob die Ermittlungen überhaupt zu einem Schluss kommen.

Uns ist jedoch wichtig Folgendes festzustellen: Wir sind in einer Situation, in der eine solche Tat durchaus möglich ist. Denn die Lage entlang der Grenze von Brasilien und Peru ist derzeit für die unkontaktierten Indigenen kritisch. Grund ist die Abwesenheit der Regierung, die die Gelder für die staatliche Indigenenbehörde Funai gekürzt hat. Das ist besorgniserregend, denn Goldsucher und Viehbauern können einfach auf indigenes Land eindringen. Sie wollen unbedingt Profit aus dem Land der unkontaktierten Völker schlagen. Und diese Gebiete sind jetzt ungeschützter denn je. In diesem Kontext wäre so ein Massaker also durchaus möglich.

Deswegen fordern wir die brasilianische Regierung dringend auf, die Sparpolitik gegenüber Funai aufzugeben und diese Gebiete zu beschützen, so wie es die brasilianische Verfassung fordert.

Welche Eindrücke zur Lage der Indigenen haben Sie auf Ihrer Reise durch das Amazonasgebiet generell gewonnen?

Für die unkontaktierten Völker Brasiliens sieht es derzeit düster aus. Präsident Michel Temer und seine Verbündeten im Agrarsektor versuchen gerade, die Rechte der Indigenen zu beschränken. Sie wollen indigenes Land für die wirtschaftliche Nutzung öffnen. Alles womit man schnelles Geld machen kann, soll erlaubt werden: der Goldabbau, Sojaanbau, Viehhaltung und Förderung von Rohstoffen. Deshalb sind die indigenen Völker besorgt. Mehr noch, sie haben Angst und sind gleichzeitig wütend.

Natürlich wissen die Unkontaktierten nichts von den Regierungsplänen. Aber sie sind die gefährdetsten Menschen auf unserem Planeten. Und sie sind auf ihr Land angewiesen, um überleben zu können.

Ich habe mit den Nachbarvölkern gesprochen und mit den Behörden, die dort zu ihrem Schutz eingesetzt werden. Sie alle bestätigen mir, dass es eine kritische Situation ist. Die Behörden brauchen mehr Geld, um das Land der Unkontaktierten zu schützen. Denn sonst wird es eine Katastrophe geben.

Die Lage der Indigenen ist also heute schlimmer als früher?

Derzeit ist die Situation der Indigenen schlimmer als vor einigen Jahren. Früher war es zwar auch nicht perfekt. Schauen Sie, die indigenen Gebiete sind die am besten bewahrten Gebiete, denn niemand kümmert sich besser um die Natur als die Indigenen. Deshalb haben Unternehmer schon lange ein Auge auf diese Gebiete geworfen, um aus ihnen Gewinn zu schlagen.

Derzeit gewinnen die skrupellosen Politiker der Agrarfraktion an Macht, stellen rund die Hälfte des Kongresses und können damit ihre politischen Ziele durchsetzen. Damit erhöht sich das Risiko für die indigenen Völker, und die Gebiete der isoliert lebenden Indigenen sind von Eindringlingen bedroht. Das bedeutet den Einzug von Gewalt und Krankheiten in diese Gebieten. Gegen diese Krankheiten haben die Indigenen keine Antikörper. Dies ist tödlich für sie, kann sie sogar ausrotten. Wir sprechen hier von einem drohenden Genozid.

Die weltweite Öffentlichkeit kann einem solchen Genozid nicht tatenlos zusehen. Was kann denn das Ausland tun?

Klar ist das ein Problem, das die ganze Welt angeht. Viele der auf indigenem Land gewonnenen Rohstoffe werden ja exportiert. Ob als Juwelen, pures Gold, als Holzmöbel oder als Treibstoffe für unsere Autos. Und zudem ist es eine moralische Frage. Jeder Mensch auf dieser Welt hat schließlich das Recht, auf seinem eigenen Land so zu leben wie er will. Und das ist sowohl im brasilianischen Recht wie auch in internationalen Vereinbarungen festgeschrieben.

Wir müssen uns bewusst sein, dass internationaler Druck tatsächlich etwas bewirken kann. Das haben wir bei früheren Aktionen gesehen. Und oft ist internationaler Druck die einzige Sprache, die Regierungen verstehen. Deshalb fordert Survival International alle seine Unterstützer und Sympathisanten weltweit auf, Druck auf die brasilianische Regierung auszuüben. Und auf die involvierten Unternehmen. Rechte müssen respektiert werden, und die unkontaktierten Völker müssen beschützt werden. Das ist die einzige Chance, dass sie überleben können.

Im Ausland scheint man den Indigenen mehr Aufmerksamkeit zu geben als in Brasilien. Interessiert deren Anliegen die Brasilianer nicht?

Mittlerweile wird über indigene Fragen auch in den sozialen Netzwerken in Brasilien gesprochen. Aber natürlich stimmt es, dass dies nicht genügend geschieht. Es gibt ja noch andere Probleme, die die Brasilianer derzeit beschäftigen. Zudem glauben viele Brasilianer, dass die indigene Frage nicht so wichtig ist. Daran sind auch die Kampagnen der Gegner der Indigenen schuld. So gibt es Gruppen, die die Existenz unkontaktierter Völker schlichtweg leugnen. Dazu kommt noch der Rassismus. Oft hört man, dass Indigene schmutzig und faul seien. Und deshalb müsse man sie in die „zivilisierte“ Gesellschaft holen, was eine sehr arrogante und gefährliche Idee ist.

Aber derzeit kommen die indigenen Völker zusammen. Sie haben erkannt, dass sie alle bedroht sind. Die Angriffe der Agrarindustrie bedeuten, dass manche indigenen Gebiete Gefahr laufen zu verschwinden. Wenn diese Leute ihre Pläne umsetzen, wäre das der größte Rückschritt für die Indigenen Brasiliens in vielen Jahrzehnten. Deswegen sehen wir verstärkt Demonstrationen von Indigenen vor dem Kongress in der Hauptstadt Brasília und indigene Kampagnen in den sozialen Netzwerken.

Dazu gehört auch unsere Arbeit, stellen wir den Indigenen doch eine Plattform zur Verfügung, um zu den Menschen weltweit zu sprechen. Angesichts der derzeitigen Situation ist es sehr wichtig, dass ihre Stimmen nicht verstummen.

Interview: Thomas Milz

Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat verurteilt die zunehmende Gewalt gegen Indigene. Mehr dazu hier:

"Stoppt die Gewalt gegen die indigenen Völker!"

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