14.11.2017

Ecuador, Interview

"Die reichen Länder leben über ihre ökologischen Verhältnisse"

Foto: Fiona KrakenbĂĽrger, attac Deutschland, Alberto Acosta, CC BY-ND 2.0

Der ehemalige Energieminister Ecuadors Alberto Acosta ist ein häufiger Gast in Deutschland. Der Wirtschaftswissenschaftler studierte in Köln, spricht fließend deutsch, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "Buen Vivir: Vom Recht auf ein gutes Leben.". In diesem Buch beschreibt er seine Vision von einem guten, gemeinschaftlichen Leben: eine Gesellschaft, die sich im Einklang mit der Natur befindet und sie nicht ausbeutet. Acosta war 2007 Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors und prägte die neue ecuadorianische Verfassung maßgeblich mit, die die Prinzipien des "Buen Vivir" verankerte. Blickpunkt Lateinamerika traf Acosta beim "International Rights of Nature Tribunal" in Bonn.

Was kann die Welt von Ecuador lernen?

Wir haben die Rechte der Natur in der Verfassung verankert. Das entspricht einer großen zivilisatorischen Veränderung. Wir müssen eine neue bio-zentrierte Zivilisation gestalten. Alle Lebewesen, menschliche und nicht-menschliche, haben ein Recht auf Leben und das fordert eine ganz andere Betrachtungsweise. Das ist für mich ein entscheidender Punkt: Die Ideen des „guten Lebens“, die von den indigenen Völkern stammen, ihre Erfahrungen und ihr überliefertes und angewandtes Wissen können uns helfen, eine ganz andere Welt zu gestalten.

Uns erreichten die letzten Tage Berichte über erweiterte Öl-Förderung im Amazonasgebiet – wird das Konzept vom Guten Leben, vom Buen Vivir, in Ecuador noch umgesetzt?

Das „Buen Vivir“ steht zwar in unserer Verfassung, aber es ist noch nicht in die Praxis umgesetzt worden. „Buen vivir“ wird in einigen Gemeinden seit Jahrhunderten gelebt. Es ist sozusagen eine gelebte Utopie. Die Regierung von Rafael Correa (Präsident von 2007 bis 2017, Anm. d. Red.), die diese Verfassung selbst mitgestaltet hat, hat dieses Konzept entwertet und in ein Machtinstrument umgewandelt. Es dient nur noch als Propagandamittel. Das ist wirklich traurig. Dennoch: Diese Ideen werden immer noch diskutiert und sie sind vor allem weltweit ein Thema.

In der ecuadorianischen Verfassung genießt die Natur den Status eines eigenen Rechtssubjekts. Der Staat tritt sowohl als Täter als auch Richter auf. Kann dieses Prinzip überhaupt funktionieren?

Ja, der Staat kann sowohl Täter sein, als auch Ankläger oder Anwalt. Aber die Menschen – Individuen, Gemeinschaften und Völker –, die in Ecuador leben, müssen diese Rechte vertreten. Nicht nur der Staat, auch wir sind Träger dieser Rechte. Es gibt eine sogenannte ökologische Bürgerschaft. Das Problem liegt nicht in der Spannung zwischen dem Staat als Täter und der Justiz als Instanz für die Einhaltung der Gesetze, sondern darin, dass die Richterinnen und Richter noch nicht richtig verstanden haben, worum es geht. Auch der ehemalige Präsident Correa hat überhaupt nicht verstanden, worum es geht. Das sieht man schon daran, dass er einschränkend von den „sogenannten“ Rechten der Natur gesprochen hat. Es wird noch eine lange Zeit dauern, bis die Gesellschaft diese Ideen in die Praxis umgesetzt hat.

Ein Argument des wirtschaftsliberalen Flügels lautet: Wir können uns erst um Umweltschutz kümmern, wenn wir uns das finanziell erlauben können – so wie die reichen Länder, deren Reichtum ja oft auf Ausbeutung von Bodenschätzen gründet. Sind die Forderungen der reichen Industriestaaten bezüglich des Umweltschutzes scheinheilig?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Man kann auf verschiedene Weisen antworten. Die erste Frage, die ich stellen würde, ist: Sind die sogenannten entwickelten Länder auch wirklich entwickelt? Nein, sind sie nicht. Die reichen Länder leben über ihre ökologischen Verhältnisse. Wenn alle Menschen auf der Erde das gleiche Konsum- und Produktionsniveau wie in Deutschland anstreben würden, bräuchten wir bestimmt drei Planeten. So geht es nicht weiter. Es geht nicht, dass wir uns erst wirtschaftlich entwickeln und dann die Natur respektieren. Die reichen Länder müssen ihren Lebensstil ändern, und gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass soziale Gerechtigkeit nur durch ökologische Gerechtigkeit zu erreichen ist. Und die ökologische Gerechtigkeit wiederum wird nur erreicht durch die soziale Gerechtigkeit. Beides gehört zusammen. Wir sind Teil der Natur und müssen sie respektieren. Wir müssen die Natur entmarkten, einen ganz anderen Lebensstil anstreben.

Beispiel USA: Präsident Trump hat einige umweltzerstörende Dekrete unterzeichnet, die Gesellschaft ist tief gespalten. Inwieweit lässt sich der Zustand der Demokratie in einem Land an der Art und Weise festmachen, wie das Land mit ihrer Natur umgeht?

Die Qualität der Demokratie wird auch davon abhängen, wie wir mit der Natur umgehen. Wenn wir die Natur zerstören, dann haben wir keine Demokratie mehr. Unsere Demokratie ist in diesem Sinne unterentwickelt. Das sehen wir bei den Vereinigten Staaten. Die USA haben das Weltklimaabkommen verlassen, auch wenn die Ergebnisse des Weltklimagipfels in Paris Scheinlösungen waren. Da werden die Probleme nicht richtig angepackt und am wenigsten gelöst. Ich betone: Wir sind Teil der Natur und müssen ihre Rechte anerkennen. Zweitens: Wir müssen den Gemeinschaftssinn in der Welt stärken. Wir sind nicht nur Individuen, die alleine produzieren und konsumieren, sondern wir sind auch Teil einer Gemeinschaft. Verbundenheit mit der Natur plus Gemeinschaftssinn – das erfordert eine ganz andere Beziehung zum Leben. Die indigenen Völker sprechen von spirituellen Beziehungsstrukturen. Ich spreche von Vertrauen, Solidarität, Kooperation, von Maßhalten im Sinne eines nachhaltigen und würdigen Lebens für alle Menschen und nicht-menschlichen Wesen.

In Deutschland steht eine Jamaika-Koalition in den Startlöchern – denken Sie, dass diese Regierung die Umweltprobleme lösen kann?

Auf keinen Fall. Ich sehe mit großer Sorge, wie die Grünen ihre Positionen verlassen, damit sie an die Regierung kommen. Das ist wirklich traurig. Die Natur muss man respektieren, indem man zukunftsorientierte Prinzipien entwickelt. Wenn das nicht passiert, wird die deutsche Bevölkerung enttäuscht sein. Die Bundesrepublik braucht eine große ökologische Wende.

Interview: André Wielebski

« Zurück

AKtuelle Ausgabe:

Titelbild des Magazin Blickpunkt Lateinamerika in der aktuellen Printausgabe

Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich und kann kostenlos abonniert werden.

 

Redaktion und Kontakt:
Nicola van Bonn
Telefon: +49 (0)201 1756-212
E-Mail versenden

 

DOSSIER:
Friedensprozess Kolumbien

Friedenprozess in Kolumbien - Dossier


DOSSIER:

Oscar Romero

Oscar Romero - Dossier

DOSSIER:
Mapuche

Das Indigene Volk der Mapuche - Dossier

Partner von:

Deutsche Welle ist Kooperationspartner von Blickpunkt Lateinamerika -  Logo von DW
Weihnachtsaktion 2017 - Adveniat

Weihnachtsaktion 2017

"Faire Arbeit. WĂĽrde. Helfen."