16.02.2017

Brasilien

Der unaufhörliche Sound des Regenwalds

Das Filmplakat von "Río Verde. El tiempo de los Yakurunas" ("Green River. The Time of the Yakurunas") von Alvaro und Diego Sarmiento.

Eine Axt schlägt auf einen Baumstamm ein. Immer wieder. Die Kerben im harten Holz werden langsam tiefer, aber der Stamm ist so dick, dass es Stunden dauern wird, bis er gespalten ist. Doch der Quechua, der die Axt schwingt, macht unbeirrt und beharrlich weiter.

Der Dokumentarfilm "Río Verde. El tiempo de los Yakurunas" ("Green River. The Time of the Yakurunas") von Alvaro und Diego Sarmiento beobachtet im Forum der Berlinale ohne Off-Kommentar den Alltag dreier Quechua Lamistas-Paare im Amazonasgebiet von Peru. Man folgt ihnen beim Fischen und Jagen, bei der Cassava-Ernte und beim Würmer Sammeln, beim Kochen von Essbananen auf offener Feuerstelle, beim Weben und beim Kleiderfärben.

Aus unser Sicht mag es beschwerlich wirken, sich den ganzen Tag um solch elementare Dinge zu kümmern, sich allein damit zu beschäftigen, den Alltag zu bewältigen. Die Indigenen machen dabei allerdings einen ganz zufriedenen Eindruck. Es scheint ein Leben zu sein, das noch weitgehend im Einklang mit der Natur geführt wird – auch wenn die porträtierten Quechua offensichtlich bereits Kontakt mit der "zivilisierten" Welt haben.

Atmosphärisch dominiert das Grün des Urwalds, das dichte Laubwerk lässt sogar den braunen Fluss grünlich schimmern. Unterlegt sind die wohl komponierten Bilder mit den Geräuschen des Urwalds, dem fast schon orchestralen Brummen und Surren der Insekten, den mal kreischenden, mal singenden Vögel. Wenn sich etwas von "Río Verde" ins Gedächtnis einprägt, dann ist es dieser unaufhörliche Sound des Regenwalds. Es ist eine Welt, bei der man sich auf Augen und Ohren verlassen muss.

Kinematografisches Experiment

Allerdings hätte man sich mehr Einordnung und Erklärung gewünscht. Allein, dass es sich um Quechua-Indigene handelt, muss man der Filmankündigung entnehmen. Auch von den titelgebenden Yakurunas – legendären Wassergeistern, die in Unterwasserstädten leben, "die spiegelverkehrt die Städte der Menschen reflektieren" – hätte man gerne etwas erfahren; genauso davon, wie sich die Quechas selbst zwischen Tradition und Moderne verorten. Laut Alvaro Sarmiento sollte "Río Verde" allerdings auch keine ethnografische Dokumentation sein, sondern eine Art "kinematografisches Experiment", das "sowohl auf der Leinwand eines Kinos als auch als Videoinstallation in einem Museum gezeigt werden kann".

Wer "Río Verde. El tiempo de los Yakurunas" sieht, mag sich trotzdem an eine Debatte erinnern, die unlängst in den Feuilletons geführt wurde. Anlass war eine Kritik von Tobias Kniebe, dem Filmredakteur der Süddeutschen Zeitung, am gegenwärtigen Dokumentarfilm. Laut Kniebe folgen die wichtigsten Dokumentarfilmer unserer Zeit "der Idee, ihre Bilder für sich sprechen zu lassen, ohne sie zu erklären". Wer als Kino-Dokumentarist heute etwas auf sich halte, so Kniebe weiter, werfe "seine Zuschauer in der Regel ohne weitere Hilfe in eine fremde Situation hinein, in der diese sich dann selbst zusammenreimen sollen, was eigentlich los ist". Doch das sei bei der postfaktischen Gegenwart "ein gefährliches Kunstverständnis". Statt starker Bilder brauche es mehr Verständlichkeit. Selbst Gianfranco Rosis Lampedusa-Dokumentation "Fuocoammare – Seefeuer", Gewinner des Goldenen Bären im Vorjahr, nahm Kniebe nicht von seiner Schelte aus.

Sonderform Dokumentation

Zurecht wurde ihm entgegengehalten, Kniebe unterschlage das Nebeneinander verschiedenster Formen im Dokumentarfilm, zu denen etwa längst auch Handy- und Amateurvideos gehören, die zunehmend Gegenöffentlichkeit herstellen. Dass das Genre inzwischen zwar unübersichtlich geworden, aber auch so lebendig ist, wie vielleicht nie zuvor, dafür ist gerade die Berlinale ein gutes Beispiel: 92 Dokumentationen aus allen Kontinenten präsentiert das Festival dieses Jahr. Das ist fast ein Viertel aller Filme, die gezeigt werden. Erstmals wird auch ein eigener Dokumentarfilmpreis vergeben. Anders als die Goldenen und Silbernen Bären ist die Auszeichnung gar mit 50 000 Euro dotiert. Das ist auch dehalb angebracht, weil sich die Öffentlich-Rechtlichen mehr und mehr aus der Finanzierung von Dokzumentarfilmen zurückziehen.

In einer Szene von "Río Verde" bereiten Vater und Sohn nach dem Fischen gemeinsam auf einem Feuer am Flussufer ein einfaches Mal zu. Zu gekochtem Fisch gibt es Kochbananen auf die Hand. Der Junge fragt ungeduldig, wann das Essen endlich fertig ist. Anscheinend hat er großen Hunger. Es ist eine schlichte wie schöne Szene. Doch mehr Kontextualisierung und mehr Information hätte dem Film insgesamt gut getan.

Text: Ole Schmidt.

"Río Verde. El tiempo de los Yakurunas", 70 Minuten, ist bei der Berlinale in OmeU (Originalfassung mit englischen Untertiteln) noch zwei Mal zu sehen:

- Freitag, 17. Februar 2017, um 19.30 Uhr im Zoo Palast 2, Hardenbergstraße 29a, 10623 Berlin

- Samstag, 18. Februar 2017, um 21.30 Uhr in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

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