13.01.2014

Haiti

Der Keim der nächsten Katastrophe

Haitis Hauptstadt Port-au-Prince ist nach dem Beben 2010 völlig zerstört. Foto: Jürgen Escher/Adveniat.

Léogane. Kathlene Francois hat den besten Blick von Palmiste-a-Vin. Von ihrer Veranda aus sieht die 42jährige Hausfrau grüne Hügel, in der Ferne die haitianische Kleinstadt Léogane und an manchen Tagen sogar die türkisblaue Karibik. Früher lebte sie mit ihrem Mann und vier Kindern in einer Hütte, die bei dem Erdbeben vor vier Jahren einstürzte. Das neue Holzhaus hat die Familie eigenhändig errichtet – unter fachkundiger Anleitung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK).

"Die Regierung hat sich nicht um uns gekümmert", erinnert sich die 42jährige. Dafür kamen knapp hundert Hilfsorganisationen (NGO) nach Léogane, bauten Wasserzisternen, Latrinen, Notunterkünfte, Schulen, Krankenhäuser. "Das war wie ein riesiger Basar, und der Staat hat nichts koordiniert", erinnert sich SRK-Mitarbeiter Olivier Le Gall. Viele NGOs hatten keine Ahnung von Haiti, brachten fertige Projekte mit, die überhaupt nicht ins Land passten, und über allem schwebte der Erwartungsdruck von Spendern und Medien.

Problem: Überschwemmung

"Ich wurde vom Ansturm überrumpelt", erinnert sich der Präsident des Bürgervereins von Barriere Jeudi, Pierre-Louis Voltaire. "Unser Hauptproblem hier ist der Fluss, der in der Regenzeit über die Ufer tritt, alles überschwemmt und die Strasse nach Léogane abschneidet. Weil hier alle Bäume fällen, um daraus Holzkohle zu machen, schwillt der Fluss immer mehr an und schwemmt die Erde aus den Bergen herunter. Die Hilfsorganisationen hat der Fluss aber nicht interessiert. Sie wollten Häuer bauen. Eine hat sogar Ziegen verschenkt. Ich will aber nicht mehr Ziegen hier, denn die fressen noch mehr der jungen Triebe ab. Aber die NGO hatte schon mit den Bauern geredet, und ich konnte nicht mehr ablehnen, weil die Leute mich sonst abgesetzt hätten", erinnert sich der 52-Jährige. "Ich muss mich mit den NGOs arrangieren", seufzt er. "Sie sind die einzigen, die etwas tun. Die Regierung sagt immer nur, es gebe kein Geld." Solche Verhältnisse haben Haiti den Beinamen NGO-Republik eingebracht. Zusammen mit dem SRK forstet Voltaire nun endlich wieder auf.

Positive Veränderungen kamen nicht

80 Prozent Arme, 40 Prozent Analphabeten, 60 Prozent Arbeitslose und Unterbeschäftigte – damit ist Haiti das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Ein Land in der Abwärtsspirale. 86 Prozent aller höher Gebildeten kehren ihrer Heimat den Rücken, so bald sie nur können. Das alles sollte anders werden nach dem Beben, wie der Chef der Wiederaufbaukommission (IHRC), Ex-US-Präsident Bill Clinton, verkündete.

Neun Milliarden Euro Hilfsgelder versprach die internationale Gemeinschaft; Pläne wurden entworfen, wie zerstörte Stadtteile zu Modell-Siedlungen werden sollten. Etwa das Armenviertel Fort National. Doch nicht nur Häuser, auch die komplette Infrastruktur hätte neu gebaut werden müssen. "Den ausländischen Geldgebern war das zu teuer", erinnert sich eine haitianische IHRC-Funktionärin. "Es hätte in so einem armen Land angeblich Sozialneid verursacht."

Letztlich scheiterte das Vorhaben aber auch im Dschungel von Korruption und Bürokratie. Für Fort National sei er zuständig, befand der Hauptstadtbürgermeister und beauftragte ein einheimisches Architekturbüro mit einem alternativen Bebauungsplan, nachdem schon der Planungsminister eine kanadische Firma und der Finanzminister die Stiftung von Prinz Charles beauftragt hatte. Drei Pläne, dreimal Honorar, kein einziges Haus. Die Bilanz der IHRC ist ernüchternd: 53 Prozent der Hilfe wurden demnach für Logistik und Nothilfe wie importiertes Wasser und Zeltplanen ausgegeben; 90 Prozent gingen an der haitianischen Regierung vorbei und landeten vor allem in den Taschen ausländischer Berater und Baufirmen; nur 2,5 Prozent wurden direkt an die Opfer ausbezahlt.

Luxushotels statt Katastrophenhilfe

2011 wurde der Sänger Michel Martelly zum Präsidenten gewählt. "Haiti is open for business", lautet der Slogan des zeitweise in den USA lebenden Staatschefs. Er setzte auf Luxushotels, finanziert von der Weltbank, ließ den Flughafen renovieren und mit US-Entwicklungshilfegeldern den Industriepark Caracol bauen – über hundert Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt. Dort lässt ein koreanischer Sweatshop für Mindestlöhne zollfrei Kleider nähen. So wird Haiti dank seiner billigen Arbeitskräfte zur verlängerten Werkbank der USA und Asiens.

Für die 1,5 Millionen Opfer wurden laut dem US-Zentrum für wirtschaftliche und politische Studien (CEPR) nur 6000 Häuser gebaut. Ein Hindernis waren die Bodenspekulation und die ungeklärten Eigentumsverhältnisse der Grundstücke. Die meisten Zeltlager sind trotzdem verschwunden, seit die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Absprache mit der Regierung den Obdachlosen eine "Räumungsprämie" von umgerechnet rund 350 Euro zahlt.

Das Ergebnis ist 18 Kilometer nördlich von Port-au-Prince zu besichtigen. Rund 120.000 Menschen strömten auf die kargen Hügel von Corail und Canaan, die von der Regierung zu Staatsland erklärt wurden. Dort basteln sie am nächsten Megaslum: Wellblechhütten an Abhängen, Holzhäuser in trockenen Flussbetten. Ohne Planung, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Strassen, ohne Schulen, ohne Sicherheitsmassnahmen. Die Keimzelle der nächsten Katastrophe.

Autorin: Sandra Weiss

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