12.03.2018

Brasilien, Interview

"Das war eine Zeit, in der die Jugend sich erlaubte, von allen möglichen Lebensprojekten zu träumen"

Daniel Galera. Foto: Henrique Fanti

Daniel Galera, 38, ist einer der wichtigsten Autoren der jungen brasilianischen Schriftstellergeneration. Sein Roman "Barba Ensopada de Sangue" (Companhia das Letras, 2012), der erste, der - unter dem Titel "Flut" (Suhrkamp, 2012) - ins Deutsche √ľbersetzt wurde, machte ihn in Deutschland bekannt. Jetzt ist Galeras j√ľngstes Buch, wieder von Nicolai Schweder-Schreiner √ľbersetzt, "So enden wir" (Suhrkamp) auf Deutsch erschienen. Es ist zugleich ein nostalgischer R√ľckblick auf die Jahrtausendwende und ein historischer Vergleich der Situation in Brasilien.

Martina Farmbauer, Blickpunkt Lateinamerika: Herr Galera, es heißt, Brasilien sei ein Land ohne Gedächtnis. Sowohl "Flut" als auch "So enden wir" handeln vom Erinnern. Wie geht das?

Daniel Galera: In "Flut" mag das Thema der Identit√§t als sehr wichtig erscheinen; dass der Protagonist Gesichter nicht erkennt, nicht einmal das eigene, legt das nahe. Aber noch wichtiger in diesem Buch ist das Verst√§ndnis des Erinnern als eine Fiktion. Wenn wir uns an etwas erinnern, erz√§hlen wir eine Geschichte. Das Spiel mit dem Ged√§chtnis, der Bildung von Mythen waren das Hauptthema, das mich fasziniert hat. In "So enden wir" hat die Erinnerung die Funktion eines nostalgischen R√ľckblicks. Es ist ein Moment, in dem meine Generation sich der 40 ann√§hert und sich an das Ende der 1990er Jahre, die Jahrtausendwende erinnert. An diese sehnsuchtsvolle Vergangenheit, in der wir gelebt haben.

Das heißt, das ist auch ein Vergleich historischer Momente in Brasilien?

In Brasilien in den 1990er Jahre hatte man eine gewisse finanzielle Sicherheit. Das war eine Zeit, in der die Jugend sich erlaubte, von allen m√∂glichen Lebensprojekten tr√§umen. Aber mit den Angriffen auf das World Trade Center 2001 ist dieser Traum weltweit zu Ende gegangen, die Krise und das Chaos sind zur√ľckgekommen. F√ľr Brasilien waren die Jahre 2013 mit Massendemonstrationen vor der Fu√üball-Weltmeisterschaft und zuletzt 2016 gegen Pr√§sidentin Dilma Rousseff sehr wichtig. Das Buch zieht also einen historischen Vergleich und untersucht die Nostalgie meiner Generation. Das Durcheinander von Gef√ľhlen, der fehlende Glaube an die Zukunft.  

Apokalyptische Gedanken, die durch fast alle Seiten schwingen...

Ja, das Buch schlägt nicht nur einen Bogen zur politischen und wirtschaftlichen Krise in Brasilien, sondern auch zur weltweiten Entwicklung. Gleichzeitig ist es sehr an die Stadt Porto Alegre gebunden, in der ich heute lebe und einen Teil meiner Jugend verbracht habe. Auch wenn das Buch nicht autobiographisch ist, die Figuren erfunden sind, so hat es doch stark mit meiner Erfahrung als Schriftsteller in Porto Alegre gegen Ende der 1990er Jahre zu tun. Ich habe Parties veranstaltet, literarische Projekte betrieben.

So wie die Figur Andrei, die in "So enden wir" ums Leben gekommen ist. Andrei stirbt bei einem bewaffneten Raub√ľberfall, wie man ihn eher aus Rio de Janeiro als aus Porto Alegre kennt. Der R√§uber hat es lediglich auf das Handy abgesehen. Am Anfang des Buches steht, dass Aurora deswegen eine Existenzkrise erleidet. Was ist passiert?

Die Degradation der Stadt. Viele meiner Freunde, die auch Schriftsteller oder K√ľnstler sind, haben Porto Alegre verlassen. Als ich "Flut" geschrieben habe, war ich auf meine direkte Erfahrung des Lebens in dieser kleinen Stadt (Garopaba, Anm. d. Red.), in der ein Teil des Buches angesiedelt ist, fokussiert. Und als ich wieder nach Porto Alegre zur√ľckgekehrt bin, haben sich all diese neuen politischen und wirtschaftlichen Probleme in den St√§dten Brasiliens bemerkbar gemacht. In den Jahren, in denen "So enden wir" entstanden ist, war ich mehr von den politischen Ereignissen und globalen Vorkommnissen betroffen als ich es zuvor gewesen war. Das hat bei mir Beklemmung erzeugt, ich habe angefangen dar√ľber zu lesen. Ich glaube, Themen wie der Klimawandel haben mich einfach besch√§ftigt.

Brasilianische Schriftsteller/innen sehen sich bisweilen der Kritik ausgesetzt, dass sie nicht mit dem verbunden sind, was um sie herum passiert; sie h√∂ren den Vorwurf, dass sich Ungleichheit, Gewalt, Korruption nicht in ihren B√ľchern reflektieren. In "So enden wir" hei√üt es, die brasilianische Literaturszene sei "im Wesentlichen ein Pausenhof, auf dem ein paar verh√§tschelte Rotznasen sich gegenseitig ihren entpolitisierten Narzissmus vorwarfen".

Mein Buch kommentiert den aktuellen Zustand und weist auf Krisen und Probleme hin, die mit der brasilianischen Realit√§t verbunden sind. Ich glaube nicht, dass das ("So enden wir", Anm. d. Red.) ein politisches Buch ist. Das ist nicht mein Hauptmerkmal. Da gibt es andere Autoren. Es ist eines meiner politischsten B√ľcher.

Autorin: Martina Farmbauer

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