24.07.2018

Bolivien

Boliviens Hexenstraße - Zauber und Elixiere gegen jedes Leid

Aymara-Frau bei traditioneller Tanzvorführung in La Paz. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

Ob mystische Figürchen oder Lamaföten - in der Hexenstraße von La Paz finden interessierte Besucher alles, was man für okkulte Praktiken benötigt. Doch nicht alle Rituale des andinen Brauchtums sind harmlos.

Wer die gepflasterte Straße entlanggeht, bemerkt zunächst wenig von Hexen und Hexern, von Zauberkunst und Esoterik. Mitten in der geschäftigen bolivianischen Hauptstadt La Paz liegt sie, die Calle de las Brujas - die Hexenstraße.

An den Außenwänden der Läden hängen bunte Taschen, Pullover aus Alpakawolle, Panflöten und harmlose Souvenirs aller Art. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass Übersinnliches im Spiel ist. In den weniger prominent platzierten Geschäften findet man eine Vielzahl von Utensilien, die für okkulte Praktiken benötigt werden: Räucherwerk, Kräuter, mystische Figürchen, Elixiere, Kokablätter - und getrocknete Lamaföten.

"Außer den Protestanten, die keine indigenen Rituale vornehmen, kaufen in der Hexenstraße alle Bolivianer ein", sagt der Soziologe Mircko Vera. "Sowohl die Schamanen, die Zeremonien abhalten, als auch der normale Bürger." Die andinen Rituale seien in der bolivianischen Kultur stark verankert. Alle - ob mit indigenen Wurzeln oder ohne, ob arm oder aus der Oberschicht - segneten ein neu gekauftes Auto oder einmal im Jahr das Haus. "Und bei Festen wird immer der Pachamama - der Mutter Erde - gehuldigt, indem man aus seinem Trinkbecher ein wenig Alkohol auf den Boden schüttet", so der Experte.

Ein Lamafötus für Glück und Segen im neuen Eigenheim

In der Hexenstraße ist gegen alle Leiden etwas erhältlich. Wer zu- oder abnehmen, wer Kopfschmerzen, Rheuma oder Fieber bekämpfen will, bekommt entsprechende Kräuter, Pülverchen und Tinkturen zusammen mit getrockneten und eingelegten Tierorganen. Wer eine professionelle okkulte Zeremonie plant, lässt sich in einem Laden mit dem verheißungsvollen Namen "Angel de la Guarda" (Schutzengel) einen Altartisch zusammenstellen. "Die Hexen beraten dich, sagen Dir auch, an welchem Wochentag das gewünschte Ritual am wirkungsvollsten ist", sagt Vera.

In den Zeremonien werden Körper und Seele gereinigt, Fruchtbarkeit, gute Ernte, Gesundheit, Schönheit, Geld und Erfolg herbeigewünscht. Dabei stellt man etwa zu Hause im Garten den Altar auf, bettet die eingekauften Utensilien in Lamawolle und flüstert ihnen beschwörende Worte zu. Am Ende wird alles ins Feuer gelegt und die Asche in der Mutter Erde vergraben. Für Glück und Segen fürs neue Eigenheim muss dem Volksglauben zufolge außerdem ein Lamafötus mitverbrannt werden. "Wohl jedes neue Haus in Bolivien hat in seinem Fundament einen Lamafötus", so Vera.

Andine Rituale mischen sich mit katholischer Religion

Wie in keinem anderen südamerikanischen Land habe sich die katholische Religion so sehr mit der "andinen Kosmovision" vermischt, sagt der Soziologe von der Universidad Mayor de San Andres in La Paz. In Bolivien gebe es keine "reine" Religion mehr. "Weder die Katholiken noch die indigenen Völker üben ihre Religion aus, ohne Symbole und Rituale der anderen einzubeziehen." So existierten keine Zeremonien mehr, in denen ein Schamane nicht das Vaterunser aufsage, Kruzifixe verwende und die Jungfrau Maria anrufe.

Abgesehen davon, dass das Kokablatt von den Bolivianern gerne gegen Höhe, Hunger und Müdigkeit gekaut wird, ist es eines der wichtigsten Bestandteile bei solchen Zeremonien. Die Schamanen tragen immer ein Säckchen mit Kokablättern bei sich. Und in der Hexenstraße trifft man auf selbsternannte Hexen, die auf den Gehsteigen sitzen und mithilfe von Kokablättern die Zukunft vorhersagen. Dabei werfen sie die getrockneten Blätter auf ein Tuch. Je nach dem, wie sie fallen, so fällt dann auch die Zukunft aus.

Schwarze Magie beherrschen die Frauen und Männer der Hexenstraße nach eigenen Angaben ebenso. Damit soll es etwa möglich sein, Menschen zu beeinflussen, die Geliebte des Gatten zu verfluchen, den Mann wieder ins heimische Ehebett zu holen. "Viele Schamanen weigern sich allerdings, solche Praktiken anzuwenden", sagt Soziologe Vera. "Denn es heißt, der böse Zauber falle später auf den Schamanen selbst zurück."

Je mehr man von geheimen Riten in Bolivien erfährt, umso mulmiger kann es europäischen Zuhörern werden: "Wenn etwas Großes gebaut wird, etwa ein Hochhaus oder eine Brücke, dann wird in der Regel kein Lamafötus vergraben", so Vera. Stattdessen vergrabe man Menschen. Meist solche, die auf der Straße lebten und später kaum vermisst würden - in der Regel Alkoholiker. "Sie füllen sie ab, und wenn sie nicht mehr bei Bewusstsein sind, werden sie lebend ins Fundament einzementiert", erläutert der Experte das brutale Vorgehen. Das sei kein Märchen, betont er: "Bei Brücken liegt unter einem Pfeiler ein Mann, unter dem anderen eine Frau."

Quelle: KNA, Autorin: Camilla Landbö

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