12.06.2018

WM-Spezial 2018

Argentinien - "Von Gott wird weniger verlangt"

Foto (Symbolbild): Adveniat/Jürgen Escher

Je nach Prognose werden die Argentinier bei der Fußball-WM zu den Favoriten zählen oder eine weitere Schmach hinnehmen müssen. Anne Herrberg erklärt die Fußballseele eines stolzen Volkes und das Dilemma eines Weltstars, der endlich auch im eigenen Land einer sein möchte.

Franco Masitelli nimmt noch einmal tief Luft, schluckt, öffnet den Mund, brüllt: Goooooooooolllll! Er gurgelt das G, röhrt das O, heult das L. Bei einem richtig guten Torschrei muss alles raus: Die Anspannung, die Verzweiflung, die Befreiung, Jubel, Triumph. Ein richtiger Torschrei ist Katharsis für eine ganze Nation. Das lernen die Studenten hier in der TEA, Argentiniens Kaderschmiede für Fußballreporter.

Die letzte Gelegenheit für einen solchen Schrei gab es am 10. Oktober 2017, als Messi die Nationalmannschaft in letzter Sekunde doch noch für die WM in Russland qualifizierte – mit drei Erlösertoren gegen Ecuador, nachdem die Himmelblauen die restlichen 17 Spiele alles andere als weltmeisterlich aufgetreten waren.

Ein Bonmot am Rio de la Plata besagt jedoch: Je schlechter die Vorrunde, desto besser das Turnier. Danach hätte Messis Trupp hervorragende Chancen auf den WM-Sieg. Doch wirklich glaubt das derzeit niemand am Rio de la Plata. Jedenfalls ist von WM-Fieber noch wenig zu spüren und das hat nicht nur mit der angespannten Wirtschaftslage zu tun, die das Land derzeit politisch in Schach hält. „Dieser Mannschaft fehlt Feuer“, sagen die einen. „Es braucht frischen Wind“, finden die anderen. „Es gibt kein Konzept“, fasst Trainerikone und Fußball-Philosph Luis César Menotti die allgemeine Misere zusammen. Kein Konzept außer Messi.

Messi: Rettungsschwimmer, Zimmermann, Bauarbeiter

Messi als Rettungschwimmer, der das restliche Team über Wasser hält. Messi als Zimmermann, der gleichzeitig sägt, bohrt und streicht. Oder Messi als einziger Bauarbeiter in der Grube während das restliche Team tatenlos herum steht. Argentiniens Netzwerke sind voller Memes, die alle das gleiche sagen: Ohne Messi geht gar nichts. Besonders deutlich wurde das im März beim Testspiel gegen Spanien. Der schmachvollen 6 zu 1 Niederlage seines Teams musste Argentiniens Messias von der Tribüne aus zugucken. Irgendwann stand er auf und ging. Er weiß genau: Er kann für den FC Barcelona so viele Pokale holen wie er will, solange er im Nationaltrikot nicht den Titel holt, wird er bei seinen Landsleuten nie aus dem Schatten von Fußball-Gott Maradona treten. Da können die Argentinier gnadenlos sein. Und Russland ist wahrscheinlich die letzte Chance für den 30-Jährigen.

Messi werde ein Revolver an den Kopf gehalten, der sich Weltmeisterschaft nenne. Wenn er nicht gewinnt, werde er erschossen, erboste sich Nationalcoach Jorge Sampaoli. Somit könne er sein Talent nicht voll ausnutzen. Druck, finden allerdings viele, müsse jemand wie Messi eben aushalten. Das Problem sei auch eher, dass die Selección in den letzten vier Jahren drei Trainerwechsel hatte, es kaum Erneuerung des Kaders gab, es zu viele Egos und zu wenig Teamgeist in der Mannschaft und Chaos im Verband AFA gebe. Aus 40 Millionen Fußballfans werden schnell 40 Millionen verhinderte Trainer, die kein gutes Haar an niemand lassen. Um die Gemüter zu besänftigen nahm Argentiniens größte Biermarke den allgemeinen Fan-Unmut in ihrem WM-Spot auf und mahnte: "Von Gott werde weniger verlangt.“

DFB-Elf ließ Argentiniens Titeltraum drei Mal zerbrechen

Nur hat der ja auch nicht gleich drei Finale hintereinander verpatzt. Zweimal gegen Chile in den Südamerikameisterschaften 2015 und 2016. Und zuvor das WM-Endspiel 2014 gegen Angstgegner Deutschland – ein Klassiker, auf dem aus argentinischer Sicht ein Fluch lastet. In den vergangenen drei Weltmeisterschaften zerbrach der Titeltraum jedes Mal an der DFB-Elf – und bereits zwei Mal in einem Finale: 1990 wegen eines, aus argentinischer Sicht, zu Unrecht gegebenen Elfmeters und 2014 wegen eines, aus argentinischer Sicht, zu Unrecht nicht gegebenen Elfmeters. Der bestimmt nett gemeinte Gruß der „Mannschaft“ per Twitter mit der Frage: „Ob wir uns wohl in Russland wieder begegnen“, löste in Argentiniern so auch in erster Linie Panik aus. „Lieber nicht“ war der allgemeine Tenor.

Es ist wohl das erste Mal, dass die Argentinier ihr eigenes Team nicht als Favoriten für den Titel ansehen. Vielleicht ist das auch besser so, sagt Javier Tabares, Sportjournalist und Professor an der Hochschule Tea. Eine Pleite in der WM sehen viele als Chance, den argentinischen Fußball von Grund auf neu aufzustellen.

Autorin: Anne Herrberg

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