28.07.2016

Brasilien

Analyse: Ungleichheit und soziale Schichten in São Paulo

Eine Stadt, zwei Lebenswelten: Wie das Leben verläuft, ist davon abhängig, in welchem Stadtteil man aufwächst - zumindest in São Paulo. Foto: IFAIR/LACalytics.

Die Fallstudie "Brücken schlagen, Grenzen setzen" vergleicht das Leben von zwei jungen Frauen, die in benachbarten Stadtbezirken der Metropolregion São Paulo aufwuchsen. Urbane Segregation, welche die Favelas von geschlossenen Wohnanlagen trennt, reflektiert die soziale Ungleichheit zwischen ihnen. Trotz der Einführung von Reformen in der Vergangenheit bleibt das grundlegende Problem dasselbe: Wegen einem Gefälle zwischen den Reichen und Armen, fehlt der Mehrheit von Brasilianern die Möglichkeit ihre Lebensqualität langfristig zu verbessern.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten, die Jessika, 27, und Ana, 28, teilen: Beide wuchsen in den nordwestlichen Außenbezirken von São Paulo auf. Ihre Elternhäuser in Carapicuíba und Alphaville befinden sich in unmittelbarer Nähe, nur durch eine Brücke getrennt. Dennoch gibt es Unterschiede bezüglich ihrer familiären Hintergründe, verfügbaren finanziellen Ressourcen und dem Zugang zu Bildung.

Die zwei Frauen haben ähnliche Hoffnungen für die Zukunft, aber nicht dieselben Chancen. Was kann getan werden um einen Teufelskreis, der den sozio-ökonomischen Status quo der weniger Privilegierten vorherbestimmt, zu durchbrechen?

Soziale Ungleichheit in Brasilien

Historisch entstand die ungleiche Verteilung von Ressourcen in der Kolonialzeit. Der transatlantische Sklavenhandel führte zu einer Teilung der brasilianischen Gesellschaft in Großgrundbesitzer und Sklaven. Ursprünglich basierend auf Rasse, wurde soziale Ungleichheit zusätzlich durch schwache Eigentumsrechte über Jahrhunderte etabliert. Während der Demokratisierung in den 1980ern änderte sich die politische Verfassung: Massenmigration und eine zunehmende Gettoisierung waren die Folgen einer nicht nachhaltigen Urbanisierung. Der informelle Sektor weitete sich aus und grenzte zahlreiche Bürger vom Sozialsystem aus. Heutzutage sind Favelas und geschlossene Wohnanlagen das Abbild von Trennung in Klasse und Status.

Zwei Schicksale

Jessika und Ana beantworteten Fragen zu Familienhintergrund, Bildung, Beruf, Haushaltseinkommen, Angehörigen, Ersparnissen und Zukunftsträumen. Rasse und Ethnizität wurden als Einflussfaktoren für soziale Ungleichheit vernachlässigt weil beide Frauen weiße Brasilianerinnen europäischer Herkunft sind.

Jessika, 27, hat mit ihrem Partner zehn Jahre lang in Carapicuíba gelebt, wo sie aufwuchs. Zum Zeitpunkt des Interviews (Februar 2016) war sie schwanger mit ihrem dritten Kind. Jessikas Kindheit war nach der Trennung der Eltern durch wechselnde Partner und Stiefgeschwister geprägt. In der Hoffnung eine "präsente, aufmerksame Mutter zu sein", will sie nicht "scheitern", wie ihre eigene Mutter.

Jessika sah ihre Mutter immer "als eine Schwester", die mit ihr spaßte, aber weder ihre Hausaufgaben kontrollierte noch sie zur Schule brachte während sie von ihrer Großmutter und ihren Tanten aufgezogen wurde. Nachdem sie eine öffentliche Grundschule besucht hatte, schloss sie die weiterführende Schule nicht ab. Jessika arbeitete zwei Jahre aber jetzt ist sie arbeitslos. Träumend davon wieder die Schule zu besuchen um sich eine Karriere aufzubauen, räumte sie ein, dass ihre Kinder ihre oberste Priorität seien. Sie sehnt sich danach abends mit ihren Freundinnen auszugehen: "Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal, als ich etwas Schönes unternommen habe. Jetzt würde ich eine Fettabsaugung brauchen um ein passendes Kleid zu finden."

Die andere Seite der Brücke

Im Vergleich wohnt Ana, 28, in Vila Madalena, einer sehr guten Wohngegend von São Paulo. Als die Jüngste von Vieren wurde sie von beiden Elternteilen in der geschlossenen Wohnanlage Alphaville in Barueri aufgezogen. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet Ana als Architektin und plant zukünftig ein Kind zu adoptieren. Sie erklärte: "Ich habe eine halbprivate Schule besucht und einen Abschluss von der Universität von São Paulo erhalten. Ich möchte, dass meine Kinder dieselben Möglichkeiten haben." Ana ist eine unabhängige Frau und erfreut sich am alltäglichen Leben, amüsiert sich in der Stadt mit Freunden und plant ihre nächste Auslandsreise. Anas Haushaltseinkommen beträgt ungefähr 760 Euro und damit knapp doppelt so viel wie Jessikas monatliche Einkünfte. Sie plant ihre Kinder an einer privaten Schule anzumelden, was sich Jessika nicht leisten kann.

Bildungschancen durch Geld

Die Anzahl von Hochschulabsolventen in Brasilien ist von vier Prozent im Jahr 1982 zu elf Prozent im Jahr 2009 angestiegen. Dies ist u.a. auf die Quoten für Minderheiten und staatliche Programme wie Pro-Uni, bei dem Stipendien für Studenten an privaten Universitäten vergeben werden, zurückzuführen. Folglich haben sich parallele Strukturen von privaten und öffentlichen Bildungsanbietern entwickelt.

Viele Menschen, die es sich leisten können, bevorzugen eine private Schulbildung in der Primär- und Sekundarstufe. Bei der Hochschulbildung genießen jedoch staatliche Universitäten einen viel besseren Ruf als die Privaten. Es fallen auch keine Studiengebühren an, aber um sich zu immatrikulieren muss man einen Aufnahmetests durchlaufen, bei dem die Mehrheit der Zulassungen an Schüler, die eine private Schulbildung genossen haben, vergeben wird.

Bolsa Familia

Brasilien erlebte ein rasantes Wirtschaftswachstum nach der Jahrtausendwende. Seit 2003 konnte eine zunehmende Inklusion der sozial Benachteiligten beobachtet werden, nachdem der frühere Präsident Lula da Silva (Arbeiterpartei, im Amt von 2003 bis 2011) eine Reihe von Sozialreformen eingeführt hatte. Infolge des Sozialprogramms Bolsa Família, welches Sozialhilfezahlungen mit der Schulpflicht verbindet, wurde ein Anstieg der durchschnittlichen Schulzeit von 5,8 zu 8,3 Jahren erreicht. Dies entspricht einer Steigerung von 42 Prozent von 1995 bis 2009.

Andere Erfolge von Bolsa Família sind der Zugang zu sozialen Dienstleistungen durch registrierten Status als Staatsbürger, die Reduzierung von Kinderarbeit sowie eine deutliche Verbesserung von Ernährung und der Koordination zwischen den Ministerien für Bildung und Gesundheit. Jessika erhält die monatliche Beihilfe von 60 Euro (236 Reais) und schickt ihre Kinder in die Grundschule, was schließlich eine Bedingung für diese Unterstützung ist.

Obwohl diese Sozialreformen das Leben vieler Haushalte verbessert haben, bedarf es einer Steigerung der Qualität und Nachhaltigkeit. Bolsa Família kann erweitert und verbessert werden, da der Bewerbungsprozess für Sozialhilfeempfängern als kompliziert wahrgenommen wird und die Regierungsausgaben vergleichsweise gering blieben. Außerdem gibt es keine Strategie um die Unabhängigkeit von Familien langfristig zu fördern.

Kritik

Während sich die konservative Opposition bezüglich gesetzlicher Verordnungen zu mehr Inklusion zurückhielt, führte die damalige Präsidentin Dilma Rousseff (Arbeiterpartei, 2011 - 2016 im Amt) weitere Neuerungen ein. Zum Beispiel wurden Quoten, welche öffentliche Universitäten verpflichten die Hälfte der Studienplätze an benachteiligte Studenten zu vergeben, umgesetzt. Kritiker mahnten, dass dies den langjährigen Glauben an Meritokratie, einer Leistungs- und Verdienst-orientierten Gesellschaft, untergrabe. Rassismus ist eine weitere Ursache warum soziale Ungleichheit und Stratifizierung in Brasilien noch immer anhält.

Jessikas Sorgen im Bezug auf die Zukunft ihrer Kinder sind gerechtfertigt. So hängt der Zugang zu Bildung stark von der Ausbildung der Eltern ab: Ein zusätzliches Jahr der elterlichen Bildung verlängert das Curriculum deren Kinder um ungefähr 0,27 Jahre. Sportliche Aktivitäten und Kunst spielen ebenso eine wichtige Rolle in der Sozialisierung. Viele Kinder werden in der Hoffnung auf eine Verbesserung der familiären Situation, wie bei den Vorbildern Ronaldo oder Neymar, zum Fußball, Volleyball, Ballett oder in eine Musikschule geschickt.

Der Vergleich zwischen lediglich zwei Frauen birgt die Gefahr einer Verallgemeinerung. Dennoch wurden Faktoren wie das Geschlecht, der sozio-ökonomische Hintergrund, Bildungsgrad, der Beruf und die Region herausgearbeitet, da sie nachweislich alle die soziale Ungleichheit beeinflussen. Diese Faktoren veranschaulichen die Tatsache, dass Armut nicht selbst verschuldet ist. In der Realität durchleben die Benachteiligten einen Teufelskreis, dem sie kaum entfliehen können. (…)

Herausforderungen

Im Allgemeinen lassen sich drei Herausforderungen bezüglich der Verminderung der sozialen Ungleichheit in Brasilien erkennen. Erstens fehlt wegen des begrenzten Zuganges zu hochwertiger Bildung die soziale Mobilität in der Gesellschaft.

Zweitens trägt eine einseitige Berichterstattung in den Medien dazu bei, die Massen irrezuführen. Genauso wie korrupte Politiker zeigen, dass die junge Demokratie leider noch immer von Korruption und Vorteilsnahme untergraben wird.

Drittens hat das Wirtschaftswachstum kürzlich unter den fallenden Rohstoffpreisen gelitten. Außerdem haben höhere Rentenansprüche und unproduktive Steuervergünstigungen zu einer Steigerung des Haushaltsdefizits, von zwei Prozent des BIP im Jahr 2010 auf zehn Prozent im Jahr 2015, geführt.

Ansätze zur Verbesserung der Situation

Auf Grund des jüngsten demographischen Wandels begleitet von mehr berufstätigen Frauen, einer sinkenden Geburtenrate und der höheren Anzahl von formellen Arbeitsverhältnissen besteht Hoffnung für Brasilien als prominente, regionale Wirtschaftsmacht. Zunächst würde die Wirtschaft langfristig von zusätzlichen Frauen in der Arbeitnehmerschaft profitieren. Auf Grund fehlender finanzieller Mittel beschrieb Jessika ihren Lebenslauf eher wie eine Serie von Ereignissen, während Ana klar die Selbstbestimmung ihres Werdegangs zum Ausdruck brachte.

Weiterhin sollte in öffentlichen Schulen Sexualkunde und Familienplanung unterrichtet werden um Schwangerschaften von Minderjährigen vorzubeugen sowie deren Unabhängigkeit zu stärken. Das Recht auf sichere Abtreibung müsste reformiert werden. Falls die Regierung zukünftig nicht in qualitative Bildung investiert (Aus- und Weiterbildung der Lehrer, höhere Gehälter für Arbeitnehmer etc.), wird keine nachhaltige Veränderung stattfinden.

Eine weitere Maßnahme ist die Weiterführung der Formalisierung von Arbeitsplätzen. Dies ist notwendig um zu gewährleisten, dass Hausmädchen oder Bauarbeiter, die die besagte Brücke zwischen Carapicuíba und Alphaville überschreiten, unter angemessenen Bedingungen mit einem vertretbaren Gehaltes, Urlaubstagen und anständigen Arbeitszeiten arbeiten. In diesem Kontext werden die wenigen Reichen, die sich Hausangestellte leisten können, zunehmend an der sozialen Entwicklung beteiligt werden müssen. Sie sollten entsprechend besteuert werden, was die gerechtere Verteilung von finanziellen Ressourcen vereinfachen würde. (...)

Autoren: Juliana de Moraes Pinheiro (Brasilien) und Katharina Moers (Deutschland), Foto: IFAIR/LACalytics.

Der Verein "Young Initiative on Foreign Affairs and International Relations" (IFAIR e.V.) initiiert mit LACalytics ein Projekt, das junge Experten aus Lateinamerika und der Karibik sowie der Europäischen Union (EU) zusammenbringt. Gemeinsam verfassen sie Analysen zu Themen aus Politik, Umwelt, Wirtschaft, Zivilgesellschaft sowie über die Beziehungen zwischen der EU und Lateinamerika, von denen vier ausgewählte Texte auf Blickpunkt Lateinamerika veröffentlicht werden.

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