12.10.2017

Brasilien

Alexander-Soros-Preis für Umweltaktivistin Melo da Silva

Antônia Melo da Silva setzt sich seit Jahren gegen den Bau großer Staudämme im Amazonasgebiet ein. Foto: Screenshot Youtube

Die 68-Jährige wurde ausgezeichnet für ihr Engagement im Kampf gegen das Staudammprojekt Belo Monte. Sie setzt sich für die Rechte der 30.000 Indigenen ein, die wie sie selbst durch den Bau vertrieben wurden.

Das Motto der neuzeitlichen Amazone im Amazonasgebiet lautet: „Ich kämpfe für jene, die weniger als ich dazu in der Lage sind, sich zu verteidigen.“ Die Aktivistin Antônia Melo da Silva ist seit langem bekannt für ihren Einsatz für Menschenrechte und Umwelt. Seit über zwei Jahrzehnten stehe sie an vorderster Front im Kampf gegen Belo Monte im Bundesstaat Pará, schreibt die spanische Zeitung „El País“ in einem Artikel.
 
Nun wurden ihr Mut und ihre Hartnäckigkeit mit dem jährlich verliehenen Preis der Alexander-Soros-Stiftung ausgezeichnet, benannt nach dem US-Philantropen. Der 1985 Geborene ist der Sohn des bekannten ungarisch-amerikanischen Milliardärs George Soros. Die Alexander-Soros-Stiftung fördert den Einsatz für Bürgerrechte, soziale Gerechtigkeit und Bildung, indem sie die Arbeit von entsprechenden Bewegungen finanziert. Antonia nahm den Preis am 10. Oktober in New York entgegen als Vertreterin der Bewegung „Xingu vivo para sempre“ („Lebender Xingu-Fluss für immer“), die sie selbst gründete.
 
Umweltaktivisten riskieren täglich ihr Leben
 
In Brasilien und ganz Lateinamerika ist die Ermordung von Umweltaktivisten beinahe an der Tagesordnung. 2016 waren weltweit 200 Opfer zu beklagen. Auch Antônia wurde mehr als einmal von "Pistoleros" bedroht. Doch käme es ihr nicht in den Sinn, ihren Kampf einzustellen. Sie sagt, sie habe keine Angst. Sie wisse, dass sie das Richtige tue: für die Menschenrechte kämpfe, für das Leben. Antonia weiß viele Menschen an ihrer Seite, sie ist nicht alleine. Das gibt ihr Kraft und Mut.
 
Antônia Melo da Silva hat ihr Leben nicht nur dem Kampf gegen Belo Monte gewidmet, sondern dem gegen etwa 500 Staudammprojekte, die sich ins Amazonasgebiet fressen. Die Aktivistin weiß als Tochter von Bauern von kleinauf, was es bedeutet, für sein Land und seine Rechte zu kämpfen. Als Lula 2003 brasilianischer Präsident wurde, kam das Projekt Belo Monte in Fahrt. Der Widerstand wuchs. Das Projekt geht noch auf das Konto der Militärdiktatur, sollte dann aber vom demokratischen Brasilien umgesetzt werden.
 
Menschen wurden vor vollendete Tatsachen gestellt
 
Belo Monte war verbunden mit der Flutung von 500 Quadratkilometern Amazonas-Regenwald und der Vertreibung Tausender von Menschen, die ihre gewohnte Lebensart ebenso verloren wie ihre Häuser, ihr Glück. Die betroffene Bevölkerung, viele von ihnen Indigene, wurde erst gar nicht gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt.
 
Antônia nennt die mit Händen zu greifenden Folgen schrecklich und unumkehrbar. Das Wasserkraftwerk ist seit einem Jahr teilweise in Betrieb - 6 von 18 Turbinen. Zur Strategie des Konsortiums Norte Energía mit staatlicher Beteiligung habe es gehört, die Menschen in den Gemeinden zu spalten, um den Widerstand zu schwächen. Die einen kämpften gegen die anderen. Gelockt wurde mit Entschädigungen für die von Belo Monte Betroffenen, die teilweise bis dahin nie Zugang zu Geld gehabt hatten. Geboten wurden umgerechnet etwa 8.000 Euro pro Gemeinde, um die Folgen abzumildern. Das Geld landete schließlich aber nur in den Händen der Kaziken.
 
Der Einfall auf das Land der indigenen Vorfahren führte auch zur Einschleppung von Krankheiten, zudem änderten sich schlagartig die Ernährungsgewohnheiten. Den Fluss als Nahrungsquelle gibt es nicht mehr. Weitere Krankheiten wie Diabetes, schon bei Kindern, sowie Mangelernährung sind die Folge.
 
„Ich fühle mich wie ein Fisch außerhalb des Wassers“
 
Antônia weiß, wovon sie spricht: Sie und ihre Familie zählen zu jenen 30.000 Menschen, die vertrieben wurden. Die anderen kamen zu ihr auf der Suche nach Rat und Hilfe oder einfach nur, um jemanden zu haben, der ihnen zuhört oder sie umarmt. Antônia muss noch immer weinen, wenn sie daran denkt, owohl sie selbst diejenige war, die anderen Kraft und Mut gab. Jetzt lebt sie fern des Ortes, an dem sie aufwuchs und kann sich an den neuen Ort einfach nicht gewöhnen: „Ich fühle mich wie ein Fisch außerhalb des Wassers.“
 
Unternehmen und Staat hätten Versprechen nicht eingehalten, sagt Antônia mit Blick auf die Infrastruktur. Doch Regierung und Unternehmen hätten den Menschen gegenüber eine so unermessliche Schuld, dass sich diese gar nicht abzahlen lasse. Der Soros-Preis aber sei eine Anerkennung dafür, dass es sich lohne, immer weiter zu kämpfen: gegen ein zerstörerisches Entwicklungsmodell, für das Belo Monte nur ein Beispiel ist.

Quelle: El País, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel

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