05.12.2017

Brasilien

Afrikanisches Erbe in Brasilien: Stolz statt Nachteil

"Heute bedeutet unsere Hautfarbe, dass wir auch Rechte haben": Eine amtliche Statistik legt nahe, dass sich die Position der Afrobrasilianer gerade wandelt. Foto: Adveniat/Achim Pohl

Neueste Zahlen des staatlichen Statistikamtes in Brailien zeigen, dass die Zahl der Brasilianer, die sich selber als "negro", also dunkelhäutig bezeichnen, in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Gegenüber dem Jahr 2012 gaben bei Erhebungen im Jahr 2016 rund 15 Prozent mehr Menschen an, dieser Gruppe anzugehören.

Den Brasilianern steht es frei, bei der Angabe ihrer Hautfarbe selber zu entscheiden, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen. Experten glauben deshalb, dass die affirmativen Kampagnen der dunkelhäutigen Bevölkerung neues Selbstbewusstsein gegeben haben, sich zu ihrer Hautfarbe zu bekennen.

Brasiliens "Black Movement"

Dunkelhäutige Menschen, Nachfahren afrikanischer Sklaven, leben in Brasilien am Rande der Gesellschaft. Sie sind am meisten von Armut, Gewalt und Ausgrenzung betroffen. Je "weißer" die Hautfarbe, desto größer die Chancen auf Anerkennung und sozialen Aufstieg. Erst in den letzten Jahren hat die Stärkung des "Black Movement" dazu geführt, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen und das "afrikanische Erbe" positiv zu sehen.

"Unsere Hautfarbe war stets ein negativer Punkt für uns" sagt der dunkelhäutige Menschenrechtler Ivanir dos Santos. "Heute bedeutet unsere Hautfarbe, dass wir auch Rechte haben. Das führt dazu, dass die Menschen sich selbst eher als 'negro' anerkennen." So werde langsam aus einem Nachteil ein Grund für Stolz. Seine Menschenrechtsarbeit hatte wesentlich dazu beigetragen, dass im Jahre 1989 ein Gesetz gegen Rassismus erlassen wurde.

Historische Ungerechtigkeit korrigieren - etwa an der Uni

Die gestärkte rechtliche Position von dunkelhäutigen Brasilianern spiegelt sich auch in der 2012 erlassenen Quotenregelung für die Zulassung zu staatlichen Universitäten wider. Diese erleichtert den Zugang zu Universitäten für Schüler von öffentlichen Schulen sowie von Schülern, die sich als "negro", "pardo“"oder indigen einstufen. Damit soll eine historische Ungerechtigkeit korrigiert werden.

Dies habe zudem zur Folge, dass Fragen wie Diskriminierung nun verstärkt auch an den Universitäten diskutiert werde, glaubt die dunkelhäutige Journalistin und Aktivistin Flávia Oliveira. Auch die sozialen Netzwerke hätten dazu beigetragen, dass dunkelhäutige Menschen endlich eine Stimme hätten. Sie selber engagiert sich an mehreren Fronten. So fördert sie dunkelhäutige Frauen, die sich selbständig machen wollen.

Landesweites Echo auf rassistische Beleidigungen

Auch in den Medien finden in den letzten Jahren Fälle von Rassismus ein breites Echo - was es früher nicht gab. Ein beliebter TV-Journalist wurde nach einem rassistischen Kommentar suspendiert. Fälle, in denen dunkelhäutige Künstler und ihre Kinder in den sozialen Netzwerken rassistisch beschimpft wurden, haben ein landesweites Echo der Entrüstung ausgelöst. Zwar handelt es sich bei den Betroffenen um Prominente, und im Alltag bleiben die meisten Fälle von Rassismus immer noch ungesühnt. Aber es zeigt sich die Tendenz, die alten Rassenvorurteile zu hinterfragen.

Dies spiegelt sich nun auch in den neuen Umfragen wieder. Bei der Statistikerhebung 2012 gaben 46,6 Prozent an, weiß zu sein. Als "Pardo", also Mischlinge, bezeichneten sich 45,3 Prozent, während lediglich 7,4 Prozent die eigene Hautfarbe als "negro" bezeichneten. Im Jahr 2016 überholten die "pardos" mit 46,7 Prozent die "weißen" (44,2 Prozent). Als "negro" bezeichneten sich nun 8,2 Prozent der Bevölkerung.

"In einer derart gemischten Gesellschaft werden sich die Menschen stets zu der Gruppe zugehörig erklären, mit der sie sich am meisten identifizieren", so Maria Lúcia Vieira, verantwortlich für die Erhebung der Statistik beim staatlichen Institut. Die Zunahme "dunkelhäutiger" Brasilianer habe aber noch einen zweiten Grund, so Vieira. So habe diese Gruppe im Durchschnitt mehr Kinder als "weiße" Familien.

Autor: Thomas Milz, Foto: Adveniat/Achim Pohl

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