25.10.2016

Chile, Interview

Abtreibungsverbot: "Altlast aus der Zeit der Militärdiktatur"

Claudia Dides, Leiterin der chilenischen Frauenrechtsorganisation "Miles". Foto: Sophia Boddenberg

Chile geh√∂rt zu den letzten sechs L√§ndern, in denen Abtreibung unter Gef√§ngnisstrafe steht, ohne R√ľcksicht auf die Umst√§nde. Die Frauenrechtsorganisation "Miles" will das √§ndern und hat einen neuen Gesetzentwurf ins chilenische Parlament eingebracht. Ein Gespr√§ch mit Miles-Leiterin Claudia Dides - √ľber die Gefahren der heimlichen Abtreibung und die Aggressivit√§t, die den Frauen aus dem konservativen Lager entgegenschl√§gt.

Abtreibung ist in Chile verboten, deswegen treiben Frauen heimlich ab. Welche Folgen kann das haben?

Claudia Dides: In Chile kaufen sich Frauen Misoprostol, eine Abtreibungstablette, beim Drogendealer und treiben dann heimlich zu Hause im Badezimmer ab. Sie sprechen mit keinem dar√ľber, weil sie Angst haben. Ein 22-j√§hriges M√§dchen aus Temuco zum Beispiel hat Misprostol falsch eingenommen und kam mit Blutungen ins Krankenhaus. Die Hebamme rief den Arzt an, der Arzt die Polizei und die Polizei den Staatsanwalt - und dann wurde die junge Frau verh√∂rt, bis sie zugab, dass sie abgetrieben hatte. Eine andere Frau wurde von dem Arzthelfer angezeigt, der ihr Bett geschoben hatte. Es gibt auch √Ąrzte, die keine Lust auf den Papierkram haben und einfach sagen, dass eine Fehlgeburt passiert sei. Aber manche andere w√ľrden ihre eigene Gro√ümutter anzeigen.

Ihre Organisation "Miles" hat im chilenischen Parlament einen Entwurf eingebracht, um das Abtreibungsgesetz zu reformieren. Worum geht es da?

Es geht dabei um die Legalisierung von drei Abtreibungsgr√ľnden. Zum einen bei Frauen, die eine Krankheit haben oder deren Embryo nicht lebensf√§hig ist. Und zum anderen bei Vergewaltigung. Es kann nicht sein, dass man ein M√§dchen im Alter von elf Jahren dazu zwingt, Mutter zu werden.

Einmal kam eine Frau zu mir, mit der wir schlussendlich eine Therapie bei einer Psychologin gemacht haben. Die Frau war Katholikin und h√§tte niemals daran gedacht, abzutreiben. Aber ihre Diagnose war so schrecklich, dass sie keinen anderen Ausweg sah. Die Plazenta hat den F√∂tus aufgel√∂st und sie musste so lange warten, bis der F√∂tus starb. So will es bislang das chilenische Gesetz. Diese Frau k√§mpft jetzt mit uns f√ľr Frauenrechte. Solche F√§lle motivieren mich jeden Tag, aufzustehen und weiterzuk√§mpfen.

Feministische Gruppen kritisieren uns, weil wir uns nicht f√ľr komplett freie Abtreibung einsetzen. Nat√ľrlich w√ľnschen wir uns das irgendwann, aber f√ľr ein solches Gesetz w√ľrde man im Moment keine Zustimmung erhalten. Das ist also politische Taktik.

Wie haben Sie die Debatten √ľber ein neues Abteibungsgesetz im Parlament erlebt?

Am meisten hat mich die Ignoranz und Aggressivit√§t der konservativen Abgeordneten schockiert. Ein Abgeordneter verglich die Abtreibung mit der Ermordung von Menschen w√§hrend der Milit√§rdiktatur. Das Schwierigste war es, den Leuten zu erkl√§ren, dass sexuelle Gewalt eine der furchtbarsten Erfahrungen f√ľr einen Menschen ist, ob f√ľr eine Frau oder einen Mann.

Wir mussten verteidigen, dass wir nicht vergewaltigt werden wollen. Wir mussten dar√ľber sprechen, das Inzest nicht normal ist. In Chile wird nicht viel √ľber Inzest gesprochen, aber es gibt ihn, besonders auf dem Land. Und dann werden die M√§dchen schwanger und k√∂nnen nicht abtreiben. Es gibt viele Frauen in Chile, die wie Sklaven behandelt werden, in Zwangsbeziehungen leben und von ihrem Ehemann t√§glich vergewaltigt werden. Ich kann es auch verstehen, wenn eine Frau, die vergewaltigt wurde, das Kind bekommen will. Aber sie muss sich selber dazu entscheiden d√ľrfen. Eine Frau dazu zu verpflichten, eine erzwungene Schwangerschaft auszutragen, ist f√ľr mich eine Verletzung der Menschenrechte.

Woran liegt es, dass Chile eines der wenigen Länder ist, in denen Abtreibung komplett verboten ist?

Das Gesetz zum Abtreibungsverbot hat Jaime Guzm√°n w√§hrend der Milit√§rdiktatur verabschiedet, davor war Abtreibung aus therapeutischen Gr√ľnden erlaubt. Guzm√°n war Anh√§nger Pinochets und Verfechter nationalsozialistischer Theorien. Er war der Meinung, dass Frauen keine Rechtssubjekte seien und bei Vergewaltigungen das Kind bekommen und sich selbst in Gottes Namen opfern m√ľssten. Wir haben in Chile immer noch die Verfassung von 1989, also aus der Milit√§rdiktatur. Das Abtreibungsverbot ist eine der vielen Altlasten aus der Diktatur. Die gleiche √úberzeugung, die ich w√§hrend der Diktatur hatte, um f√ľr die Demokratie zu k√§mpfen, treibt mich auch jetzt an. Es ist die √úberzeugung, dass es m√∂glich ist, die Welt zu ver√§ndern.

Interview: Sophia Boddenberg

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