
Szene aus dem Film "Turistas", Bild: Kairos Filmverleih
Eine Frau und ein Mann machen sich in den Campingurlaub auf. Doch statt Vorfreude auf die freien Tage im chilenischen Naturreservat „Siete Tazas“ herrscht im Auto gedrückte Stimmung. Carla teilt Joel mit, dass sie noch nicht bereit sei, ein Kind zu bekommen. Mehr noch: dass sie den Fötus, der in ihr herangewachsen ist, bereits abgetrieben hat. Joel reagiert mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung. Er lässt Carla am Straßenrand stehen und fährt nach Hause.
Die zurückgelassene Frau von Mitte bis Ende 30, die nervös, fahrig und unentschlossen wirkt, schlägt sich nach Molina durch, einer Kleinstadt ganz in der Nähe des Reservats. Sie begegnet Ulrik, einem jungen Rucksacktouristen mit raspelkurzen blonden Haaren, der ebenfalls nach „Siete Tazas“ unterwegs ist. Er komme aus Norwegen, erzählt er ihr, studiere aber zurzeit in Santiago. Carla schließt sich Ulrik an. Die beiden teilen sich ein kleines Zelt und erkunden gemeinsam den Mikrokosmos des Reservats mit seiner üppigen Natur und den schrulligen Menschen, die dort arbeiten. Da ist etwa der Parkwächter Orlando, der als One-Hit-Wonder kurzzeitig berühmt war, heute aber lieber dem Gesang der Vögel lauscht, oder die zwei Cousinen, die sich beide Susana nennen und die den Kiosk führen.
Gelegenheit zum Nachdenken
Carla, Ulrik, Orlando und die Susanas sind Figuren in Alicia Schersons Film „Turistas“, der gut zwei Jahre nach seiner Entstehung jetzt in einigen deutschen Programmkinos zu sehen ist. Es ist nach „Play“ das zweite abendfüllende Werk der chilenischen Filmemacherin, die unter anderem an der lateinamerikanischen Filmschule EICTV in San Antonio de los Baños (Kuba) studiert hat. Dass Scherson auch gelernte Biologin ist, wird in mehreren langen, teilweise mit großer Ruhe und Geduld eingefangenen Naturaufnahmen deutlich – Bilder von Bäumen, Vögeln, Insekten, Bächen –, die in die Filmhandlung eingeflochten sind und mit denen die zeitliche Abfolge verdeutlicht wird. Die Zuschauer merken: Die Zeit da draußen, abseits der Städte, vergeht langsam – und sie kann genutzt werden zu gründlicher Prüfung und Selbstvergewisserung.
Was heißt es, für das Leben bereit zu sein? Ulrik ist wegen seiner sexuellen Orientierung nicht mit sich im Reinen. Außerdem umgibt ihn ein Geheimnis, das für Carla noch eine große Enttäuschung bereithält. Die beiden Cousinen fragen sich, ob man ausgelassen oder lieber familiär leben soll. Am unsichersten erscheint Carla. Sie findet keine Antwort auf die Frage nach der Bereitschaft fürs Leben. Gleichzeitig reagiert sie aggressiv, wenn man ihr Ratschläge gibt und Erklärungsversuche anbietet. Sie wolle nicht analysiert werden, wehrt sie vehement ab.
Von der Zerbrechlichkeit von Individuen
„Turistas“ ist ein leiser, poetischer und melancholischer Film, der die Schönheit der Natur und die Verwirrung der Menschen thematisiert. Aber: Nicht als reines Gegensatzpaar! Gehört nicht auch das Ende von Beziehungen und die Zerbrechlichkeit von Individuen zur Natürlichkeit des Lebens, scheint Regisseurin Alicia Scherson zu fragen. Und ist nicht auch die perfekt erhaltene Natur von „Siete Tazas“ alles andere als gesichert? Ist der Park überhaupt zur Orientierung geeignet? Das wird klar, als Carla einen Ausflug an den Grenzzaun des Reservats unternimmt. Gleich dahinter wird eine neue Straße gebaut, und riesige Schaufelbagger reißen die Erde auf.
Autor: Thomas Völkner
Turistas, Chile 2009
Regie: Alicia Scherson
mit Aline Kuppenheim, Marcelo Alonso, Diego Noguera, Palma Pablo Ausensi