
Die Schwarzweißfotografien illustrieren die Erzählung. Foto: Xavier Miserachs
Heute ist er ein gefeierter Literat und Träger des Literaturnobelpreises. Vor 45 Jahren, noch am Anfang seiner Karriere, war er mit einem Text in seiner Heimat angeeckt. Kein peruanischer Verlag wollte 1967 Mario Vargas Llosas kurzen Text „Los Cachorros“ veröffentlichen. Wahrscheinlich wegen einer darin thematisierten sexuellen Verstümmelung, wohl auch, weil die Hauptfigur allzu unangepasst und selbstzerstörerisch gezeichnet war. Ein Verlag in Spanien brachte das Buch heraus und gab ihm seinerzeit eine Reihe von Fotos des katalanischen Künstlers Xavier Miserachs bei. Nachdem hierzulande die Erzählung schon viele Jahre unter dem Titel „Die jungen Hunde“ bekannt ist, hat der Suhrkamp-Verlag sie jetzt von Susanne Lange neu übersetzen lassen. Zudem enthält die aktuelle Neuveröffentlichung erstmals auch die sehenswerten Fotos von Xavier Miserachs.
Mario Vargas Llosa beschreibt in „Die jungen Hunde“ eine Entwicklungsgeschichte. Ein Junge namens Cuéllar kommt in eine neue Schulklasse, wo er Anschluss an die vierköpfige Clique von Choto, Chingolo, Mañuco und Lalo findet. Der Neue ist beliebt, vor allem, weil er gut Fußball spielen kann. Eines Tages wird Cuéllar vom aggressiven Wachhund der Schule angefallen und an den Genitalien verletzt. Zunächst ist er sich der Tragweite seiner Verstümmelung nicht bewusst, weiß nur, dass es eine heikle, mit Scham erfüllte Angelegenheit ist. Seine Freunde – teils voller Mitleid, teils spöttisch wie eh und je – verpassen ihm schnell einen Spitznamen: „Pichulita“ – Schwänzchen.
Kein Glück bei den Mädchen
Die fünf Jungs werden größer, suchen den Kontakt zu Mädchen, und so entsteht im Laufe der Zeit eine gemischte Clique. Nur „Pichulita“ Cuéllar hat keine Freundin, er scheint noch nicht einmal auf der Suche zu sein. Statt dessen wird er verhaltensauffällig. Er schnappt sich den Wagen seines Vaters, geht bei gefährlich hohem Wellengang zum Surfen, wirft Fensterscheiben ein.
Für eine Weile reißt er sich zusammen. Mit der hübschen, koketten Teresita ist nämlich ein neues Mädchen in die Nachbarschaft gezogen. Er bemüht sich vordergründig um sie, vermeidet es aber, seine Gefühle zu offenbaren. Cuéllar traut sich einfach nicht. Er ahnt, dass Teresita mit ihm gehen würde. Er kann sich jedoch nicht vorstellen, wohin eine feste Freundschaft oder eine Beziehung führen soll – bei seiner Behinderung!
Nach dieser Episode driftet der Junge ab. Er setzt sich von der Clique ab, trinkt zu viel, führt ein destruktives Leben, verlässt schließlich die Stadt. Während Choto, Chingolo, Mañuco und Lalo heiraten, Kinder großziehen, sich im Job etablieren und langsam aber sicher Speck an den Hüften ansetzen, bleibt Cuéllar der ewige junge Hund.
Ständiger sprachlicher Perspektivenwechsel und kongeniale Fotografien
Mario Vargas Llosa erzählt die Geschichte des unglücklichen Cuéllar in einer aufregenden, faszinierenden Sprache, die völlig atemlos wirkt und bei der ständig die Perspektive gewechselt wird. In ein und demselben Satz spricht zunächst ein allwissender Erzähler, hinter dem nächsten Komma ist es dann der Chor der vier Freunde, die aus der Wir-Perspektive berichten, gefolgt von direkter Rede, die ohne Anführungszeichen daherkommt. In der gelungenen deutschen Übertragung klingt das beispielsweise so: „Fast jeden Samstag gingen sie auf eine Party, und waren wir nicht eingeladen, schummelten wir uns hinein, vorher aber gingen sie in den Laden an der Ecke, mit einem Faustschlag auf die Theke verlangten wir Cocktails vom Chino: fünf Capitanes! Auf ex, sagte Pichulita, schaut, gluck gluck, wie ein Mann, wie ich.“
Illustriert wird die rasant erzählte Geschichte von Xavier Miserachs Schwarzweißfotografien, die in vier Abschnitte unterteilt sind und auf denen die abgebildeten Personen quasi mit den Figuren der Novelle gemeinsam altern. Da sind die Unterstufenschüler, die auf dem Hof in ihren kittelartigen Uniformen angetreten sind und nachmittags Fußball spielen. Dann die Jugendlichen in den Kneipen, beim Drehen der ersten Zigarette. Schließlich die Halbstarken und die unangepassten jungen Erwachsenen, die weitgehend in jenen Situationen gezeigt werden, von denen auch in „Die jungen Hunde“ die Rede ist: Tanzen lernen, sonntägliche Ausfahrten im teuren Schlitten des Herrn Papa, Abende am Strand, cliquenweise, Jungs und Mädchen gemeinsam, man hat ja inzwischen das Alter erreicht, in dem man sich mit Freund oder Freundin in der Öffentlichkeit blicken lassen darf. Auf der letzten Bildstrecke verfolgt der Fotograf einen Mann mittleren Alters mit tiefen Falten auf der Stirn. Der steuert im Übermut freihändig einen offenen Sportwagen steuert und will ganz offensichtlich die beiden jungen Frauen beeindrucken, die ihn begleiten. Das allerletzte Bild zeigt die traurigen Überreste eines zu Schrott gefahrenen Autos. Die Herumstehenden schauen betreten – so wie die früheren Freunde von „Pichulita“ Cuéllar am Ende von Vargas Llosas Erzählung.
Autor: Thomas Völkner
Mario Vargas Llosa (Text) / Xavier Miserach (Fotos): Die jungen Hunde
Übersetzung: Susanne Lange
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011
96 Seiten, EUR 24,90
ISBN 978-3-518-42271-7