Lissabon im November 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Unzählige jüdische Flüchtlinge sind in der Hauptstadt des neutralen Portugal gestrandet. Sie hoffen auf eine Möglichkeit zur Ausreise nach Übersee. Während die meisten Länder weder Juden noch politische Flüchtlinge aufnehmen wollen, signalisiert Argentinien seine Bereitschaft. Der portugiesische Diktator Salazar hält die Situation allerdings in der Schwebe: Einerseits sympathisiert er mit Hitler-Deutschland und dessen Verbündeten, andererseits wird er von England und den USA aufgefordert, an der Seite der Alliierten in den Krieg einzutreten. Wie wird Portugal sich entscheiden? Gleichzeitig wartet vor der Hafeneinfahrt ein argentinisches Schiff auf die Erlaubnis zur Löschung von Hilfsgütern für die eingeschlossenen Flüchtlinge.
Vor diesem wahren historischen Hintergrund spielt der vielschichtige und vielstimmige Roman „Nacht über Lissabon“ des 1963 im argentinischen La Plata geborenen Autors Leopoldo Brizuela. Sein Text ist ein kunstvoll gestaltetes Mosaik aus zahlreichen Handlungssträngen, die geschickt miteinander verknüpft sind. Diese für Lissabon, seine Bewohner und die Flüchtlinge so entscheidende Nacht ist nämlich eine Nacht voller Geschichten. Die Figuren, welche sie erzählen, werden aus Angst vor der bedeutungsschweren Entscheidung in neue Konstellationen getrieben. Sie führen lange Gespräche, schwelgen in Erinnerungen, erträumen sich eine goldene Zukunft, legen Beichten ab, streiten sich und begehen Verrat. Als gelte es, kurz vor der befürchteten Katastrophe – oder vor dem erhofften Abschied vom kriegführenden Europa – noch reinen Tisch zu machen.
Ein Diplomat aus Argentinien irrt durch Lissabon
„Nacht über Lissabon“ ist an vielen Stellen ein Buch über Kunst, Musik und Theater. Einige der Gestrandeten sind Tango- und Fado-Künstler, Theater-Impressarios oder Gesangslehrer. Sie bekennen sich zu ihren Vorbildern und adoptieren vorsorglich den argentinischen Tango-Star Carlos Gardel als Inspiration ihrer eigenen Karrieren. Auch die internationale Diplomatie wird in den Blick genommen. Brizuela erzählt vom Schicksal des argentinischen Konsuls, der sich um die Verteilung der Hilfsgüter kümmern soll. Der Diplomat wird von einem Mann durch die Nacht geführt, der sich als rechte Hand des Erzbischofs von Lissabon ausgibt. Der Kirchenmann, so heißt es, stünde in geheimen Verhandlungen mit Politikern und Diplomaten aus verschiedenen Ländern. Ein direktes Zusammentreffen mit dem Vertreter des aufnahmebereiten Argentinien kommt jedoch nicht zustande. Dieser Romanstrang gestattet einen Einblick in die Sackgassen der diplomatischen Kunst in Zeiten des Krieges.
Hilfe als Ausdruck von Buße
Motivisch laufen mehrere Geschichten auf die Suche nach Identität zu: Der Konsul ist beispielsweise davon überzeugt, einen illegitimen Sohn zu haben, der sich in Lissabon aufhält. Als zuvor in Argentinien ein Skandal über homosexuelle Beziehungen in einer militärischen Kadettenanstalt ausgebrochen war, glaubte er, dass sein Sohn darin verwickelt war und unter falscher Identität nach Portugal fliehen musste. Immer wieder drehen sich die Gespräche der Figuren um die Schicksale von Kindern – solche, die sich von ihren Eltern entfremdet haben, die ihre Spuren verwischen mussten, auf dass niemand ihnen folgen kann, oder die trotz ihres Alters bereits wissen, dass die Entscheidung zur Flucht der einzige Ausweg aus einer existenziellen Bedrohung darstellt.
Der Roman enthält zahlreiche überraschende Wendungen. Etwa als bekannt wird, wer der wahre Absender der argentinischen Hilfslieferung ist. Die Schiffsladung Getreide ist nämlich kein Akt der Menschenfreundlichkeit, sondern Ausdruck eines schlechten Gewissens oder selbst auferlegte Buße für eine begangene Sünde. Dies ist nur eine Erkenntnis von vielen in einer Nacht voller Lebensbeichten. Noch ehe in den Morgenstunden die Sprengladung, über die permanent spekuliert wurde, explodiert, haben einzelne Enthüllungen, Geständnisse und gedankliche Schlussfolgerungen zu lauter mittelschweren Explosionen geführt und die Wege zahlreicher Figuren neu ausgerichtet.
Autor: Thomas Völkner
Leopoldo Brizuela: Nacht über Lissabon
Übersetzt von Thomas Brovot
Berlin: Insel-Verlag 2011 (Insel-Taschenbuch 4068), 724 Seiten, EUR 9,95
ISBN 978-3-458-35768-1