Der international bekannte chilenische Autor Luis Sepúlveda, dessen Bücher in 30 Sprachen übersetzt wurden, lebt seit 15 Jahren im spanischen Gijón. Zuvor verbrachte er mehrere Jahre im Exil in Hamburg und anderen europäischen Städten. Wie ihm erging es vielen Chilenen, die sich auf Seiten von Salvador Allende politisch betätigt hatten. Im Gegensatz zu Sepúlveda sind viele von ihnen inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt. Dort mussten sie jedoch feststellen, wie fremd ihnen Chile geworden ist.
Schiffbrüchige erkennen einander
„Die beiden Männer schauten sich kurz in die Augen und entdeckten dort dieselben tiefen Schatten, dieselbe historische Trübung, die sie parallele Realitäten sehen beziehungsweise ein Leben in zwei Erzählsträngen lesen ließ, die nie zueinanderfinden würden: dem der Wirklichkeit und dem der Wünsche. Schiffbrüchige haben einen sechsten Sinn dafür, einander zu erkennen.“ Bei diesen Schiffbrüchigen, die das gleiche Schicksal teilen, handelt es sich um Rückkehrer. Sie hatten Chile während der langen Jahre der Diktatur und Militärherrschaft verlassen und waren in den 90ern wieder nach Hause gegangen – teils gereift, teils desillusioniert, teils voller Tatendrang, die frühere politische Arbeit wieder aufzunehmen. Was folgte, war eine Zeit bitterer Erkenntnisse.
In seinem Roman „Der Schatten dessen, was wir waren“, der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, erzählt Luis Sepúlveda mit viel Selbstironie und Augenzwinkern eine haarsträubende und sehr unterhaltsame Rückkehrergeschichte: Lucho Arancibia, Cacho Salinas und Lolo Garmendia sind ehemalige Kampfgefährten. Nach vielen Jahren im Exil und von den Realitäten im gegenwärtigen Chile desillusioniert, treffen sie sich in einer verregneten Nacht, um ein letztes Mal gemeinsam ein Ding zu drehen. Sie wollen einen Geldbetrag finden, den revolutionäre Anarchisten in den 1920er Jahren bei einem Bankraub ergattert hatten und der seither versteckt ist. Ein Fachmann soll den Dreien bei der Suche helfen – doch der erscheint nicht am vereinbarten Treffpunkt. Während sich die drei Rückkehrer an die Verfolgung unter den Militärs erinnern und sich dabei aufführen, als müssten sie die längst überkommenen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen kommunistischen und sozialistischen Gruppen weiterführen, ist der vierte Mann gar nicht mehr am Leben. Ihn hat ein Plattenspieler niedergestreckt, der bei einem Ehekrach aus dem Fenster eines Hochhauses geschleudert wurde.
Kriminalstory und Geschichte über aufgegebene Ideale
Luis Sepúlvedas Roman lässt sich durchaus auch als Kriminalgeschichte lesen, als Story einer seltsam unspektakulären Ermittlung der Kripo Santiago. Dort fragt man sich, warum der stadtbekannte Anarchist Pedro González tot auf dem Bürgersteig liegt. War er nicht schon öfter an politisch motivierten Straftaten beteiligt? Hat man ihm nicht schon mehrfach gewaltsame Anschläge vorgeworfen? Wohin war der alte Mann in dieser Nacht unterwegs?
Noch mehr Erkenntnis gewinnen jene Leserinnen und Leser, die offen sind für die zahlreichen Neben- und Untertöne der Geschichte. Für die Empörung, die Trauer, den Trotz der Figuren – wegen geplatzter Träume, aufgegebener Ideale und einer Realität, die nicht so aussieht, als hätte es sich gelohnt, für sie zu kämpfen. Da sitzen ein paar alte Männer in der Nacht, Schiffbrüchige, die einander als Verlierer erkennen: Die Diktatur vorbei, die Exilzeit überstanden, jetzt aber verarmt und wurzellos. Und der Kapitalismus, gegen den sie sich immer schon ausgesprochen haben, feiert in Chile fröhliche Urständ. So wie den traurigen, skurrilen Romanhelden geht es vielen. Luis Sepúlveda hat ihnen ein warmherziges literarisches Denkmal gesetzt.
Autor: Thomas Völkner
Luis Sepúlveda: Der Schatten dessen, was wir waren
Übersetzung: Willi Zurbrüggen,
Zürich: Rotpunktverlag 2011, 156 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-85869-455-3