
Der neueste Roman von Horacio Castellanos Moya, “La sirvienta y el luchador”. Foto: Tusquets
Von abstossend bis subtil, von gruselig bis pervers. Wie ein Mantra zieht sich das Thema “Gewalt” als roter Faden durch die grösste lateinamerikanische Buchmesse, die derzeit in Guadalajara stattfindet. Dass der Preis der Messe an den mexikanisch-kolumbianischen Autor Fernando Vallejo vergeben wurde, dessen Lebenswerk um Gewalt in allen Formen kreist, ist dafür symptomatisch. Aber nicht nur der 69jährige, auch viele der jungen Autoren, von Mexiko über Honduras und Venezuela bis Argentinien, widmen ihre Neuerscheinungen dem Thema - in ganz unterschiedlichen Formen und Facetten. Wie aktuell und real die Gewalt ist, wurde den Teilnehmern und Besuchern gleich zu Beginn der Buchmesse vor Augen geführt: Mit 26 Leichen, die von Unbekannten ganz in der Nähe des Veranstaltungsortes abgelegt wurden; so platziert, dass sie für ein Verkehrschaos sorgten.
Schauerliche Folterwelt im Bürgerkrieg
Diese bewusst inszenierte Gewalt ist für den Venezolaner Alberto Barreira, ein Zeichen für die Perversion der modernen Mediengesellschaft, der er sich in seinem Buch “Rating” widmet. Ein kenntnisreicher Blick – Barrera schreibt selbst seit 25 Jahren Seifenopern furs Fernsehen – in die Abgründe der Glitzerwelt. Im verzweifelten Kampf um Zuschauer kommt ein erfolgsbessesener Manager auf die glorreiche Idee einer Reality-Show mit Obdachlosen. Der Hauptpreis: ein Haus. Bis dahin müssen aber zahlreiche Intrigen und Hindernisse überwunden, ein wahrer Seelenstriptease hingelegt werden. Die Misere als Spektakel, ein Voyeurismus, der legal ist, aber nicht weniger brutal. Die Sendung hat Erfolg und zwar so viel, dass sich auch die Politiker dafür interessieren. Bis zur Videokratie ist es nur noch ein Schritt. Eine Anspielung auf die bevorstehenden Wahlen in Mexiko, bei denen der vom einflussreichsten TV-Sender unterstützte Kandidat die besten Chancen hat?
Ein beklemmendes Gefühl und viele offene Fragen hinterlässt auch der neueste Roman des honduranisch-salvadorianischen Schriftsteller Horacio Castellanos Moya, “La sirvienta y el luchador”. Ein junges Paar aus gehobener Schicht wird im Bürgerkrieg von Todesschwadronen entführt und gefoltert. Eine Hausangestellte macht sich auf die Suche und wird – dank ihrer Beziehung zu einem der Entführer – mitgenommen auf die Reise in die schauerliche Folterwelt. Ein weiterer Band im Bürgerkriegsepos des aufstrebenden mittelamerikanischen Autors, dessen Bücher schon in mehrere Sprachen – darunter auch in Deutsch – übersetzt wurden.
Gewalt auch in Sachbüchern Thema
Der Bürgerkrieg bildet auch den Hintergrund für “Los Living”,den gerade mit dem Herralde-Literaturpreis ausgezeichneten Roman des Argentiniers Martín Caparrós. Doch statt Ekel angesichts der kruden Gewalt wie bei Moya löst Caparrós mehr ein gruselndes Schaudern aus. Die Hauptfigur Nito irrt verloren durch das Leben, seit die wichtigsten Menschen in seinem Leben gestorben sind, gerät in die Fänge eines obskuren Predigers und wird – besessen vom Tod – schliesslich zum Mumienfetischist, der die Toten so einbalsamiert, dass sie weiter präsent sind im Reich der Lebenden, wie ein Austellungsstück. Er habe weder einen Zombieroman noch eine Bürgerkriegsparabel geschrieben, so Caparrós. Das Gruseln aber bleibt.
Auch bei Sachbüchern und der Testimonialliteratur steht das Thema im Brennpunkt. Von “Estamos hartos hasta la madre” (“Wir haben die Schnauze voll”) des mexikanischen Poeten Javier Sicilia, der nach der Ermordung seines Sohnes eine landesweite Protestwelle gegen den Drogenkrieg losgetreten hat, über die Reportagen des Journalisten Pepe Reveles (“Levantones, narcofosas y falsos positivos”) und die gut recherchierte und spannend geschriebene, historische Biografie des mexikanischen Expräsidenten und Verantwortlichen für das Studentenmassaker von 1986, Gustavo Díaz Ordáz (Fabrizio Mejía Madrid: “Disparos en la oscuridad”), bis hin zur kritischen, wissenschaftlichen Analyse über die Erfolge und Rückschläge der kolumbianischen Anti-Drogen-Politik, herausgegeben von der Universidad de los Andes in Bogotá.
Eine Vielfalt von Sicht- und Herangehensweisen an eine krude Realität, die nicht mehr verpackt ist in blumige, verspielte Sprache oder auf tropische Surrealität setzt. Das mag manch Literaturkritiker und Verleger bedauern. Ungewissheit und Unbehagen prägen den Stil der neuen Generation. “Unsere Literatur ist vielfältiger geworden, den Magischen Realismus und den klassischen Diktatorenroman haben wir überwunden”, sagt Barrera.
Autorin: Sandra Weiss