05.01.2016

Interview, Weltweit

UN: "Klimageschenke f├╝r Privatwirtschaft nicht akzeptierbar"

UN-Sonderberichterstatterin f├╝r die Rechte indigener V├Âlker: Victoria Tauli-Corpuz. Foto: Benjamin Beutler

In Paris haben die Vereinten Nationen (UN) erstmals ein globales Klimaschutzabkommen beschlossen. Dem "Accord de Paris" zufolge soll die Erderw├Ąrmung auf "deutlich" unter 2 Grad gehalten werden. Auch haben sich die Industriestaaten in der Konferenz im Dezember 2015 zur Klimafinanzierung verpflichtet - ab 2020 sollen j├Ąhrlich 100 Milliarden US-Dollar in den globalen S├╝den flie├čen.

Ein Gespr├Ąch mit Victoria Tauli-Corpuz, UN-Sonderberichterstatterin f├╝r die Rechte indigener V├Âlker ├╝ber die Folgen des Klimawandels f├╝r indigene V├Âlker und falsche L├Âsungen im Klimaschutz.


Was erwarten Sie vom Pariser Abkommen?

Victoria Tauli-Corpuz: Schaut man sich die beim UN-Klimasekretariat gemeldeten INDC-Klimabeitr├Ąge an f├Ąllt auf, dass sie nicht klar definiert sind, was ein Problem f├╝r die n├Âtige Umsetzung der Klimapl├Ąne und des Pariser Abkommens ist. Die wichtigste Botschaft der indigenen V├Âlker ist die, dass wir am schlimmsten vom Klimawandel betroffen sind. Darum m├╝ssen wir unterst├╝tzt werden, um uns an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Welche Folgen sind das genau?

Ob in der Arktis, den Hochgebirgen, K├╝stengebieten oder W├Ąldern: Die meisten indigenen V├Âlker leben in den empfindlichsten ├ľkosystemen der Erde. Bei Extremwetter, D├╝rren und steigendem Meeresspiegel durch den Klimawandel sind sie sofort betroffen. Die indigenen Bewohner kleiner Inselstaaten m├╝ssen ihre Heimat jetzt verlassen und umsiedeln. Die Menschen der Arktis m├╝ssen ihre Lebensweise ├Ąndern, weil Permafrost und Gletscher verschwinden. In Hochgebirgen und W├Ąldern ist das Leben in Gefahr. Es gibt Taifune und Trockenperioden verursachen Waldbr├Ąnde. Alles Klimawandelfolgen, welche die indigenen V├Âlker direkt zu sp├╝ren bekommen.

Im direkten Kontakt mit der Umwelt haben indigene V├Âlker meist mehr Erfahrung in Sachen Klimawandel. Im Waldschutz gelten indigene Waldbewohner oft als Waldsch├╝tzer. Welches Wissen k├Ânnen indigene V├Âlker weitergeben?

Wir k├Ânnen zu L├Âsungen beitragen. Allerdings nur, wenn unsere Rechte auf Land, Territorium und Wissen respektiert werden. Indigene V├Âlker haben lange Erfahrung, im Ackerbau etwa, wenn es um anpassungsf├Ąhige Pflanzen geht. Oder was den Schutz von W├Ąldern und B├Âden betrifft. Werden unsere Rechte aber verletzt, durch Bergbau, durch Erd├Âlf├Ârderung, durch Abholzung, dann werden unsere F├Ąhigkeiten, unseren Beitrag zum ├ťberleben der Menschheit zu leisten, aufs Spiel gesetzt.

Seit Jahren gibt es Anstrengungen, indigene V├Âlker f├╝r den Schutz der Regenw├Ąlder als CO2-Senker finanziell zu entlohnen. Das Konzept ist als REDD-Programm bekannt. L├Ąnder wie Bolivien lehnen das ab. Sie wollen keine "Parkw├Ąchter" f├╝r die reichen Industriel├Ąnder sein. Hilft mehr Geld den indigenen V├Âlkern und dem Klima?

Wenn REDD so umgesetzt wird, wie es geplant ist, also vor allem unter Durchsetzung der "Saveguards", also den Schutzmechanismen f├╝r indigene V├Âlker, dann kann das eine gute L├Âsung sein. Wenn die "Saveguards" aber nicht garantiert werden, etwa deren volle Beteiligung an den Waldschutz-Projekten nicht respektiert wird, dann wird das ein neues Desaster f├╝r die indigenen V├Âlker. Dann wird REDD nur f├╝r die CO2-M├Ąrkte genutzt...

Sie meinen den Handel mit Verschmutzungsrechten, wie dem EU-Emissionshandel, wo Unternehmen weiter das Klima verschmutzen k├Ânnen und als Ausgleich CO2-Kontigente aus dem globalen S├╝den aufkaufen...

Genau. Hier wollen die indigenen V├Âlker eigentlich auch auf andere Vorteile des Waldschutzes hinweisen, die nicht mit dem CO2-Problem verbunden sind. Auf Vorteile, die keinen marktf├Ârmigen Ansatz verfolgen wie bei REDD. Aber einige L├Ąnder machen sehr starken Druck, den Waldschutz in CO2-Handelssysteme einzugliedern. Auch wenn hier keine Einigkeit unter den indigenen V├Âlkern besteht sagen viele, dass die W├Ąlder nicht einfach nur f├╝r die CO2-M├Ąrkte benutzt werden d├╝rfen.

Die Industriel├Ąnder stehen in der historischen Klimaschuld, sie haben den Gro├čteil der Erderw├Ąrmung verursacht. Wie kann diese Schuld wieder gut gemacht werden?

Hier gibt es den Mechanismus "Sch├Ąden und Verluste", ein gutes Prinzip. Arme L├Ąnder k├Ânnen den Klimawandel ohne Hilfe nicht ├╝berstehen. Sie brauchen Hilfe. Vielleicht nicht volle Entsch├Ądigung, wie einige L├Ąnder fordern, aber Unterst├╝tzung, damit sie in die Lage versetzt werden, zerst├Ârte Gemeinden wieder aufzubauen. Das w├Ąre sozial gerecht. Und Hilfe bei nachhaltiger Entwicklung, ohne Umweltzerst├Ârung und neue soziale Ungerechtigkeiten. Es sind auch L├Ąnder wie Bolivien gefragt, die viel extraktive Industrien f├Ârdern. Nat├╝rlich hat Bolivien seine ├ľl- und Bergbauwirtschaft nationalisiert f├╝r den Kampf gegen Armut. Aber sie schaden dabei auch ihren ├ľkosystemen. Was bedeutet dieser Weg f├╝r k├╝nftige Generationen? Hier muss eine Vers├Âhnung zwischen Entwicklung und Umwelt passieren.

Ein anderer Weg f├╝r mehr Klimagerechtigkeit soll ├╝ber den Gr├╝nen Klimafonds (GCF) passieren. Industriel├Ąnder werden ab 2020 jedes Jahr 100 Milliarden US-Dollar in L├Ąnder des S├╝dens transferieren, um Erneuerbare Energien und Anpassung an den Klimawandel zu finanzieren. Bewegt sich da was in die richtige Richtung?

Auch hier h├Ąngt alles von der Ausgestaltung des GCF ab. Es zeichnet sich auch hier ab, der Privatwirtschaft neue Vorteile zu verschaffen. 50 Prozent der Gelder f├╝r den Fonds kommen vom privaten Sektor, ein sehr gro├čes "privates Fenster" geht da auf. Ich denke, das ist nicht richtig. Also wirklich! Warum sollen wir dem Privatsektor noch mehr Vorteile verschaffen? Einem Teil der Gesellschaft, der viel reicher ist als ganze Staaten? Allein 70 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung kommt von den ganz gro├čen Multis. Warum sollen diese Multis vom Klimafonds profitieren und nicht die am meisten Benachteiligten? Dann haben wir wieder nur einen neuen Klimamechanismus, der die gro├čen Unternehmen noch m├Ąchtiger macht. Geschw├Ącht werden auf der anderen Seite Staaten und nicht-staatliche Akteure wie die indigenen V├Âlker. Darauf m├╝ssen wir beim Gr├╝nen Klimafonds achten, auf seine demokratische Umsetzung.

Und wie bewerten Sie, dass die Deutsche Bank der erste private Partner des Gr├╝nen Klimafonds ist?

Oh mein Gott, das wusste ich gar nicht! Warum das? Genau das meine ich. Ich finde das so unmoralisch. Das ist einer der m├Ąchtigsten Player im Finanzsektor und in der Wirtschaft. Sie investieren in Kohlekraftwerke. Ich will nicht glauben, dass wir in diese Richtung gehen. Dann m├╝ssen wir uns nicht wundern, dass viele Menschen das Vertrauen verlieren in Klimaschutz-Mechanismen. Wir indigenen V├Âlker wollen mehr Anstrengungen von den Staaten sehen, mehr klimafreundliche Entwicklung. Und nicht noch mehr F├Ârderung der gr├Â├čten Verursacher des Klimawandels, die das alte, fossile Entwicklungsmodell vertreten. F├╝r mich ist der Klimawandel ein Signal, hin zu neuen Wirtschaftsmodellen, hin zur Umstrukturierung der Volkswirtschaften. Daf├╝r bedarf es mehr demokratische und ├Âffentliche Beteiligung. Aus Sicht der indigenen V├Âlker sind neue Klimageschenke f├╝r den Privatsektor die falsche L├Âsung und nicht akzeptierbar.

Interview: Benjamin Beutler

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