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Ein Gläschen Rum aus Robillard

Der Landpfarrer in Haiti ist immer »die letzte Instanz«

Pfarrer Jean Raynold Michel

Die Nacht verläuft unruhig. Das Gästezimmer gleicht einer Lagerhalle. Wir liegen eingeklemmt zwischen Kisten, Klappstühlen und verschnürten Kartons. Unter den Betten lugen Tragbaren hervor. Der Gang zur Toilette erweist sich als schwierig, weil es keinen Strom gibt und der Flur mit Stahlschränken verstellt ist. Dann und wann weckt uns heftiges Hundegebell.

Am Morgen empfängt uns der Hausherr mit mürrischer Mine. Man hat ihn nachts aus dem Bett geholt, um ein Kind in die Klinik zu bringen. Er stochert lustlos in seinem Teller herum: Wenn erst einmal die Glocken von St. Jacques zu schlagen begännen, sei an Schlaf nicht mehr zu denken, sagt er verstimmt. Sie läuten nach seiner Meinung lauter als die des Doms zu Padua, obwohl er nach eigenem Bekunden weder je in Padua gewesen ist noch den dortigen Dom gesehen hat.

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Jean Raynold Michel ist seit zwölf Jahren Landpfarrer in der Plaine du Nord. Nach der dritten Tasse schwarzen Kaffees erwachen seine Lebensgeister. Es sei ein Notfall gewesen, sagt er. Das erkenne man daran, dass die Helfer es gewagt hätten, ihn mitten in der Nacht zu behelligen: »Dazu müssen sie am Friedhof vorbei, wo nachts angeblich böse Geister spuken. Um solche Orte machen die meisten lieber einen großen Bogen.« Der Pfarrer nimmt noch einen Schluck Kaffee und räuspert sich. Es ist das Räuspern eines starken Rauchers. Dann geht er hinaus in den Hof, wo ihn ein paar hundert Kinder in Schuluniformen erwarten. Sie sprechen ein Gebet, grüßen die Nationalflagge Haitis und marschieren im Gänseschritt in ihre Klassenräume.

Du wirst einmal Apostel der Armen!

Nach dem obligatorischen Fahnengruß wendet der Pfarrer von Robillard sich seiner »Entwicklungsmeile« zu, drei unscheinbaren Bauten mit Werkstätten, die dürftig mit Tischen und Bänken möbliert sind. Dort werden ältere Mädchen alphabetisiert und im Hinblick auf eine baldige Vermählung in den häuslichen Künsten unterwiesen. Auf der anderen Seite des Hofes haben in der Krankenstation die Sprechstunden begonnen: »Wenn die Mütter mit ihren Kindern regelmäßig zur Kontrolle kommen, erhalten sie ein Kilo Reis oder Mais gratis. Die Hilfsgüter stammen aus UNO-Beständen.« Für die Honorare von Arzt und Pflegerin kommt eine Partnerpfarrei in den USA auf.

Dr. Khalil Turenne ist voller Bewunderung für den kleinen »Curé de Campagne«, den Landpfarrer. Männer seines Schlages seien die Anwälte der kleinen Leute: Wenn irgendwo der Schuh drücke, sei er die erste Anlaufstelle – »egal ob der Strom ausgefallen oder eine Hühnerpest ausgebrochen ist, ob die Preise gestiegen oder die Straßen unpassierbar sind.« Da es in Haiti seit Jahren keine richtige Regierung mehr gebe, seien die Landpfarrer die letzte Instanz in allen Lebenslagen. Darauf angesprochen, zuckt der Pfarrer mit den Schultern: Eigentlich sei er nur Seelsorger. Aber als Landpfarrer sei man eben Mädchen für alles: Sanitäter, Bürgermeister, Schulmeister, Sozialarbeiter und Entwicklungshelfer. Selbst die »verlorenen Schafe«, die sich von der katholischen Kirche abgewandt haben und ihr Heil bei den Sekten oder im Vodou suchten, riefen ihn in Streitfällen als Schlichter und Richter an.

Hilfe für Haitis Landpfarreien

In einem Land, in dem es kaum eine staatliche Infrastruktur gibt, stellen mehr als 300 katholische Pfarreien oft die einzigen verlässlichen Einrichtungen dar. Der Erfolg der Pastoral- und Sozialarbeit hängt dabei vor allem auf dem Land eng mit der Mobilität des kirchlichen Personals zusammen. Da es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, ist es vielerorts nur mit einem Wagen möglich, zu den Gemeinden zu gelangen. So auch in der Pfarrei von Robillard. Mit einem Geländewagen, den Adveniat mitfinanziert hat, klappert Pfarrer Jean Michel regelmäßig die sechs Außenstationen seiner Pfarrei ab. Das Auto ist das einzige »öffentliche« Fahrzeug im Umkreis von 25 Kilometern und dient auch als Ambulanz. Während der Regenzeit, wenn die Dörfer im Schlamm versacken, werden die Kranken an Sammelplätze entlang der Landstraße gebracht, damit der Pfarrer sie auf seiner Fahrt in die Stadt unterwegs auflesen und in eine Klinik bringen kann. Ob bei der Anschaffung von Fahrzeugen, bei der Förderung von Weiterbildungskursen oder Seminaren für kirchliche Führungskräfte, beim Bau und der Renovierung von Gemeindezentren und Kapellen, die auch als Schulen dienen: Adveniat unterstützt dank der Spenden der Katholiken in Deutschland zahlreiche Projekte in Haiti, die die Infrastruktur der Kirche festigen und somit die Arbeit zugunsten der Armen erleichtern. Möchten auch Sie die Projektarbeit in Haiti unterstützen, dann füllen Sie bitte die Einzugsermächtigung auf der letzten Heftseite aus (Stichwort Haiti). Sie können Ihre Spende auch direkt auf das Konto 345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95) überweisen. Im Voraus schon vielen Dank!

Auf Hilfe angewiesen

Jean Raynold Michel stammt aus einer Ortschaft namens Dondon. Die Eltern waren Gemüsebauern. Schon im Alter von sieben Jahren stand fest, dass er Priester werden würde. Auf einem Ferienlager hatte ihm ein Ordensmann prophezeit: »Du wirst einmal ein Apostel der Armen.« Das beeindruckte ihn mächtig. Er wurde Landpfarrer, um den Leuten und ihren Sorgen nahe zu sein.

Viele wandern aus

In der Pfarrei Saint Jacques leben30.000 Menschen, meist Kleinbauern, die neben Kaffee und Obst auch Zuckerrohr anbauen. Das »süße Gras«, das Christoph Columbus bei seiner zweiten Amerikareise einführte und Grundlage für den sagenhaften Reichtum der französischen Kolonie Saint-Domingue bildete, ist aus dem restlichen Haiti weitgehend verschwunden. Ein haitianischer Bauer verdient etwa zwei Euro am Tag. Das reiche gerade für eine gemeinsame Mahlzeit, sagt der Pfarrer. Ohne die finanziellen Zuwendungen von Verwandten aus dem Ausland würden die meisten Menschen verhungern. Auch der Pfarrer erhält milde Gaben aus Übersee. Bei einem Gehalt von umgerechnet 100 Euro im Monat ist er wie alle anderen im Dorf auf die Überweisungen von Verwandten angewiesen, die entweder in den USA oder in Kanada leben. Fünf seiner sechs Geschwister sind ausgewandert und gehören heute zum amerikanischen Mittelstand. Sie sind Apotheker, Journalisten, Chemiker. Obwohl er seine Brüder und Schwestern sehr vermisst, hat Jean Raynold Michel sie noch nie besucht. Er klebe zu sehr an der heimischen Scholle, sagt er. Es schmerze ihn, jeden zweiten Sonntag neue Lücken in den Kirchenbänken zu entdecken, weil wieder einige aufgebrochen seien, um ihr Glück in fernen Ländern zu suchen.

Der Fluch des »süßen Grases«

Zuckerrohr hat über Jahrhunderte den Reichtum Hispaniolas, dessen westlicher Teil heute Haiti heißt, begründet. Die Franzosen haben mit dem karibischen Zucker so viel Geld verdient, dass sie im Friedensvertrag mit England im Jahre 1763 auf Kanada verzichteten, um die karibischen Zuckerinseln zu behalten. Zucker bildete die Grundlage des Atlantischen Dreieckshandels: karibischer Zucker wurde in Europa mit hohem Gewinn verkauft. Der Erlös diente zum Ankauf afrikanischer Sklaven, die wiederum auf den Zuckerplantagen der Antillen eingesetzt wurden. Robillard ist nach dem Landsitz eines französischen Pflanzers benannt. Während des Sklavenaufstandes von 1791 wurde die Zuckerplantage niedergebrannt. Die Landarbeiter schlossen sich den Aufständischen an. Die Lebensumstände der Zuckerbauern sind unverändert. Anders als in Brasilien, wo Zuckerrohr industriell angebaut wird, werden in Haiti die Felder noch manuell bestellt und abgeerntet. Das geschnittene Rohr wird mit Eselskarren in primitiven Manufakturen (in der Regel eine motorbetriebene Presse unter freiem Himmel) verarbeitet. Für einen schwer beladenen Esel zahlt der Müller den Bauern etwa einen Euro. Zuckerrohr dient in Haiti heute fast nur noch für den Hausgebrauch. Wenn man dem kubanischen Diktator Fidel Castro glauben darf, der ein gestandener Raucher und Trinker ist, kommt aus Haiti immer noch der beste Rum der Welt.

Eine Mahlzeit für 25 Cent

Wie alle Pfarrer in Haiti hat Jean Raynold Michel einen Zweitberuf: Er ist Chef der Caritas in der Diözese Cap-Haïtien. Als solcher leitet er einen Betrieb mit 40 Mitarbeitern und einigen hundert freiwilligen Helfern. Sitz der Einrichtung ist eine ehemalige Kirche in der Nähe der Kathedrale. Mittags entsteht in der Straße ein solches Gedränge, dass der Verkehr zum Erliegen kommt. Schuld daran sind Schüler, die bei der Caritas zum moderaten Preis von umgerechnet 25 Cent eine vollständige Mahlzeit erhalten: »Die meisten kommen aus den umliegenden Dörfern. Sie brauchen eine Empfehlung ihres Pfarrers, weil wir sicherstellen wollen, dass es sich wirklich um Bedürftige handelt«, sagt Direktor Jean Michel. Die Schüler werden in Gruppen eingelassen. Sie erhalten im Treppenhaus gegen einen Berechtigungsschein ihr Besteck. Sie müssen sich mit dem Essen sputen, um Platz für die Nachrückenden zu machen. Mit Argusaugen verfolgen die Kinder die Essensausgabe, denn für die meisten ist es die einzige Mahlzeit am Tage. Alle staunen über die Routine der Köchin, einer Matrone mit Namen Louise, die seelenruhig hinter dem Tresen steht und 300 bis 400 Teller füllt: »Jedes Kind hat Anspruch auf eine Kelle. Nachschlag wird nicht gegeben. Aber die Portionen sind reichlich und alle gleich groß, sodass nie Klagen aufkommen: Es ist, als habe die gute Louise vorher die Reiskörner abgezählt«, sagt der Direktor. Gäbe es wider Erwarten einmal Reste, würden sie in ein Armenasyl gebracht.

Den Wunderheilern das Geschäft verderben

Pfarrer Jean Raynold Michel hält die Krankenkommunion. Er ist nicht nur Seelsorger, sondern auch Leiter der Caritas. Das leibliche und das geistliche Wohl liegt ihm gleichermaßen am Herzen. Auf dem Land verlassen sich nach wie vor viele auf den Vodou-Priester.

Die einzige intakte Einrichtung

Die Caritas koordiniert die gesamte Sozial- und Entwicklungsarbeit des Bistums Cap-Haïtien. Angesichts der allgemeinen Not hat sie auch die medizinische Versorgung der Landbevölkerung übernommen. Alles werde über die Pfarreien abgewickelt, sagt P. Jean Michel, denn die seien die einzigen intakten öffentlichen Einrichtungen, die alle Wechselfälle der jüngeren haitianischen Geschichte überstanden und gemeistert hätten. An seiner eigenen Rolle als »Seelenarzt« hat er Gefallen gefunden: Wenn es darum gehe, den hiesigen Wunderheilern das Geschäft zu verderben, sei er besonders einfallsreich.

Einmal im Jahr ist die Pfarrei Saint Jacques in fremden Händen. Zehn bis zwölf amerikanische Ärzte unterschiedlicher Disziplinen nisten sich für vier Wochen im Pfarrhaus ein und schlagen dort eine Art Feldlazarett auf. Von weither strömen die Menschen herbei, um die kostenlosen medizinischen Dienste in Anspruch zu nehmen. Dass die guten Samariter das ganze Haus in Beschlag nehmen, stört den Pfarrer nicht: Die Amerikaner stellen keinerlei Ansprüche. Sie teilen die Armut ihres Gastgebers. Sie begnügen sich mit Landeskost: Tagein, tagaus gebe es Reis oder Mais oder Maniok mit süßen Bohnen oder aber Brei aus grünen Bananen. Nur sonntags, sagt der Pfarrer, werde etwas Fleisch aufgetischt. Aber abends, sagt er verschmitzt, gönnten sie sich gemeinsam ein Gläschen Rum aus Robillard: »Glauben Sie mir: Er schmeckt ihnen besser als der beste Bourbon.«

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