. .

Kuba

EU fordert Freilassung politischer Gefangener

EU-Entwicklungskommissar: keine Zahlungen an die Regierung.

mehr dazu

Peru

"Pille danach" sorgt für Diskussionen

Regierung, katholische Kirche und Verfassungsgericht im Streit.

mehr dazu

Vernissage/Ausstellung (14.03.) in Bochum

Imágenes de Colombia – Bilder Kolumbiens

Farbenfrohe Träume aus Kolumbien.

mehr dazu

Portrait

Dom Helder Camara

Der Konzilsvater

Dom Helder Camara

»Nach menschlichem Ermessen kann man nicht viel erwarten. … Trotzdem werde ich zum Konzil fahren, … denn der Heilige Vater hat uns aufgefordert, als Bischöfe zu sprechen. Und das werden wir tun, so gut wir es können.«

In einem Brief vom August 1962 an seinen Freund »Manoelito« macht Weihbischof Helder Camara von Rio de Janeiro seinem Herzen Luft – und sich und ihm Mut: trotz alledem, weil es nicht nur menschliches Ermessen gibt und weil Papst Johannes XXIII. das offene Wort der Bischöfe aus aller Welt braucht. »Manoelito« ist Bischof Manuel Larraín von Talca (Chile), wie Dom Helder stellvertretender Vorsitzender des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM. Jener Brief, aus dem der brasilianische Kirchenhistoriker und Adveniat- Projektpartner Pe. José Oscar Beozzo bei einem Vortrag über »Dom Helder Camara und das II. Vatikanische Konzil« zitierte, ist ein Schlüssel. Er zeigt, wie Dom Helder sich von einer wiederkehrenden Lebenserfahrung erinnern und tragen lässt: Gottes Geist kann selbst dann wirken, wenn nach menschlichem Ermessen wenig zu erwarten bleibt.

Dom Helder war einer von nur sieben brasilianischen Bischöfen, die 1960 in die Kommissionen zur Vorbereitung des II. Vatikanischen Konzils berufen worden waren. Als er an Mons. Larraín schrieb, blieben nur wenige Wochen bis zur Eröffnung. Die Zeit lief davon. Dom Helder musste den Eindruck gewinnen, als wolle die Römische Kurie beim Konzil lediglich von ihr vorgelegte Texte absegnen lassen, statt die Weltkirche zu hören. Dabei hatte er schon 1959 auf die Aufforderung an alle Konzilsväter, Vorschläge zur Tagesordnung einzureichen, ausführlich geantwortet und sechs Themenfelder benannt: Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und religiöse Anliegen. Religion erst an sechster Stelle: das ließ aufhorchen. Nach Dom Helders Überzeugung sollte sich die Kirche eben nicht hauptsächlich mit innerkirchlichen Fragen befassen, sondern mit dem, was die Menschen bewegt, allen voran die Armen.

»Kirche der Armen«

Die Armen standen für Dom Helder stets an erster Stelle. Denn im Evangelium und in der Nachfolge Christi gibt es kein Vertun. Um ihretwillen (und deshalb, zweitens, auch um der Kirche willen) stritt er für eine »Kirche der Armen«: eine Kirche, in der die Armen nicht am Rande oder gar außen vor stehen, sondern im Mittelpunkt, an Christi statt, eine Kirche, die sich dazu materiell arm macht. Schon im Herbst 1962 schlossen sich so gesinnte Bischöfe, darunter viele aus der Priestergemeinschaft Jesus Caritas, zur informellen Gruppe »Kirche der Armen« zusammen, in Analogie zu den »Kleinen Brüdern« von Charles de Foucauld auch »Die Kleinen Bischöfe« genannt. Der einzige Deutsche unter ihnen war übrigens der große Essener Weihbischof (und ehemalige Nationalkaplan der CAJ) Julius Angerhausen (1911 – 1990). P. Marie-Dominique Chenu OP hat die atemberaubende Geschichte dieser Gruppe, die sich im Belgischen Kolleg zu treffen pflegte, 1977 in einem Aufsatz für die Zeitschrift »Concilium « erzählt.

Im November 1965, gegen Ende des Konzils, feierten die »Kleinen Bischöfe« die hl. Messe in den Katakomben der Domitilla und verbündeten sich dort mit 13 Selbstverpflichtungen, wie sie ihr bischöfliches Amt im Sinne der evangelischen Armut ausüben wollen. 44 Jahre danach gelesen, wirkt diese Charta noch immer so radikal und anregend wie damals. Manche Anstöße aus dem Kreis »Kirche der Armen« gingen in die Konzilsbeschlüsse »Lumen gentium« und »Gaudium et spes« ein. Viele trugen Frucht über das Konzil hinaus: 1967 in der Enzyklika »Populorum progressio« von Papst Paul VI. und 1968 im bahnbrechenden Schlussdokument der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Medellín (Kolumbien). Gleichwohl bleibt in Lateinamerika wie hierzulande auf dem Weg zu einer »Kirche der Armen« noch viel zu tun. P. Thomas Klosterkamp OMI hat in der Zeitschrift der Oblaten »Der Weinberg« jüngst daran erinnert.

Neben der Gruppe »Kirche der Armen« war der zweite Kreis, der Dom Helder beim Konzil Rückhalt gab und durch den er seine Anliegen in die Beratungen einbringen konnte, die Gruppe »Domus Mariae«, benannt nach dem Haus, in dem die brasilianischen Bischöfe untergebracht waren. Dort fanden Bischöfe aus dem Süden zusammen: aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Dom Helder nannte sie seine »Ökumene«. Denn ihm ging es um Ökumene im ursprünglichen Sinn des Wortes: nicht in der Bedeutung »innerchristlich« (wie es meist gebraucht wird), sondern von »weltweit«. Denn die Weltkirche ist mehr und etwas anderes als die Ausbreitung der europäischen Kirche in alle Kontinente.

Der Strippenzieher

Sei es in der »Kirche der Armen«, sei es im »Domus Mariae«: Dom Helder verstand es meisterhaft, Mitstreiter zusammenzubringen. Er war – so würde man heute sagen – ein »Netzwerker«. Nur auf den ersten Blick war er als Weihbischof in Rio de Janeiro (bis 1964), dann als Erzbischof von Olinda und Recife (seit 1964) ein Konzilsvater unter 2.500. Vielmehr spielte er seine Beziehungen als Sekretär der Brasilianischen Bischofskonferenz und als CELAM-Vizepräsident aus. Angesichts des Einflusses, den er beim Konzil entfaltete, und der Berühmtheit, die er durch das Konzil auch außerhalb Brasiliens gewann, mag man kaum glauben, dass er sich im Plenum nicht einmal zu Wort meldete – was ihm ein Leichtes gewesen wäre, er sprach ein gutes Latein.

Als kluger Strippenzieher (schade, dass das Wort oft abschätzig gebraucht wird, denn wenn niemand Strippen zieht, bewegt sich nichts) wusste Dom Helder, dass um der Sache willen ein anderer Weg wirksamer ist als der Auftritt in der Konzilsaula. Er organisierte Stimmen für Textentwürfe, die er schriftlich oder über maßgebliche Kardinäle einbrachte. Eine große Hilfe beim Ringen um die große Linie wie bei Formulierungen im Kleinen waren hellsichtige Berater, darunter der Belgier P. François Houtart und der Franzose P. Yves Congar OP. Dom Helder nannte diesen Kreis nimmermüder Zuarbeiter ein »Opus Angeli« (Engelwerk).

Darüber, wie er die Dinge einfädelte, sind wir bestens durch Rundbriefe unterrichtet, die Dom Helder während der Sitzungsperioden und dazwischen an seine »Familie« schrieb: seine Vertrauten in der brasilianischen Heimat. Das Instituto Dom Helder Camara (IDHeC) in Recife gab sie zum Gedenkjahr 2009 mustergültig in sechs Bänden heraus. Nikolaus Klein erschloss den Reichtum dieser für die Geschichte des Konzils wie für die Biographie ihres Autors so wichtigen Quelle in der Schweizer Zeitschrift »Orientierung« (Ausgabe vom 15. September 2009).

Guter Rat für und von Adveniat

Die Erfahrung des Ökumenischen, d. h. weltweiten, Konzils hat Dom Helder tief bewegt, auch die Erfahrung, wie viel die Kirchen des Südens zu geben hatten. Übrigens auch Adveniat gegenüber. Denn der Kontakt zwischen Dom Helder und Adveniat entstand nicht –wie üblich – über Projektanträge, sondern anlässlich eines Treffens bei Ivan Illich in Cuernavaca (Mexiko) im Juni 1963. Dort berieten lateinamerikanische Bischöfe Adveniat in der Frage, wo das junge Werk Schwerpunkte seiner Förderung setzen solle. Zwei Jahre später bat Dom Helder umgekehrt Adveniat um Rat, und zwar beim Aufbau einer innerbrasilianischen Solidaritätsaktion, der »Kampagne der Brüderlichkeit«. Auch sie gehört zum reichen, bleibenden Erbe Dom Helders.

Weitere Informationen

Sagen Sie uns Ihre Meinung - schicken Sie uns einen Leserbrief.

zurück zur Übersicht